Kleinleins Klartext
Sparen Sie sich den Konsumverzicht!

Viele Versicherer glauben etwas Gutes zu tun. Sie drängen die Bürger, auf viele schöne Dinge verzichten, um für das Alter zu sparen. Doch was passiert, wenn die treuen Kunden bemerken, dass ihre Entsagung vergeblich war?
  • 24

Manchmal, wenn ich mich mit Vorständen von Lebensversicherern unterhalte, habe ich den Eindruck, ich hätte es mit selbsternannten Rettern unseres Sozialsystems zu tun. "Die Leute würden doch gar keine Altersvorsorge machen, wenn wir nicht unsere Vertriebe hätten!", höre ich da. "Besser die Geringverdiener riestern, als wenn sie gar nichts machen würden." Und ganz zentral ist der Begriff des "Konsumverzichts". "Man muss die erst mal dazu bringen Konsumverzicht zu leisten" – mit „die“ sind natürlich die Altersvorsorgeverweigerer gemeint.

Dabei wird stets ausgeblendet, was mit dem durch Verzicht frei gewordenen Geld passieren soll. Es ist meinen Gesprächspartnern in solchen Diskussionen meistens egal, ob eine Lebensversicherung, eine Riester-Rente oder ein Fondssparplan bespart wird. Hauptsache das Geld fließt zu einem Finanzdienstleister. Ob dieser dann gut mit dem Geld arbeitet, ist oft zweitrangig. Hauptsache es wird gespart. Streng nach der Devise (und schlecht gereimt):

Auch wenn die Zinsen fließen nicht,
das Ziel ist der Konsumverzicht.

Woher dieser Wunsch zum unkontrollierten Sparen kommt, darüber kann man nur spekulieren. Zum einen könnte man die protestantische Ethik als eine der Urwurzeln des Sparwillens ansehen. Max Webers Auseinandersetzung mit der protestantischen Ethik und dem Kapitalismus ist hier ein erster Ansatz. Aus diesem Blickwinkel ist Konsumverzicht und Sparen gewissermaßen eine heilige Pflicht.

Zum anderen wäre es auch möglich, dass die Finanzdienstleister - mit den Versicherern an der Spitze - eine geschickte Propagandamaschinerie ins Rollen gebracht haben, um an die Spargelder heranzukommen. Die Monstranz des Konsumverzichts flankiert das Dogma der kapitalgedeckten Altersvorsorge ja aufs Allerbeste.

Seite 1:

Sparen Sie sich den Konsumverzicht!

Seite 2:

Glaube an das Gute

Kommentare zu " Kleinleins Klartext: Sparen Sie sich den Konsumverzicht!"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

  • Doch, man kann Konsumerlebnisse akkumulieren, um sie sich fürs Rentenalter aufzuheben, indem man z.B. zu seinem zu seinem Edelmetallhändler geht, und ein paar schöne "güldene" Münzen kauft.
    Man hat ein nettes Einkaufserlebnis und tut was fürs Alter.
    Hingegen, "Was sagt dir dein Versich´rungswicht?
    Dein Ziel sei der Konsumverzicht".

  • @Licuala
    Jeder Kapitalaufbau beruht darauf, dass nicht mehr direkt von der Hand in den Mund produziert wird, sondern auf immer indirektere Weise

    Sie haben da was falsch verstanden.
    In diesem Artikel geht es nicht um Kapitalaufbau oder Erhalt, sondern um Kapital- und Kaufkraftverbrennung.

    Schönen Tag noch,

  • @Stb

    Der Bundeszuschuss zur Rentenversicherung ist zum großen Teil der Verpflichtung der Bundesregierung unter Kohl geschuldet. Damals hat man der Rentenversicherung riesige Summen an artfremden Leistungen aufs Auge gedrückt und die Finanzierung den nächsten Generationen aufgebürdet.
    Ich weis, man spricht nicht gerne über diese Verpflichtung.

    Schönen Tag noch

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%