Kleinleins Klartext
Wenn Betroffenheit in Berichterstattung mündet

Der Lobbyverband der Versicherer sieht sich in der Rolle des missverstandenen Opfers. Er sollte sich zu einem selbstbewussten Gesprächspartner entwickeln, der keine Scheu hat vor kritischen Fragen.
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Erst einmal ganz klar vorweg und deutlich: Der Lobbyverband der Versicherer will natürlich keine Medienschelte betreiben, wie mir ein hochrangiger Funktionär des Verbandes gestern ausdrücklich bestätigte. Der Grund für meine Nachfrage lag in seinen Ausführungen, die er kurz zuvor in einem Vortrag machte. Rahmen war der Vorlesungstag des Instituts für Versicherungswissenschaften der Universität Leipzig. Thema des Vortrags war die „Kommunikationspolitik und Imagefragen in der Assekuranz“.

Trotz des etwas weiter gefassten Titels beschränkte sich der Vortrag dann aber hauptsächlich nur auf die Kommunikationspolitik in den Medien und gegenüber den Journalisten. Das war vielleicht auch der Tatsache geschuldet, dass nicht der angekündigte Präsident des Lobbyverbands auftrat, sondern eben der Geschäftsführer Kommunikation.

Recht launig wurden wir im Publikum erst einmal an die guten alten Zeiten erinnert, als das Image der Versicherer noch viel besser war. Mit nostalgischer Freude schauten wir uns einen alten Werbespot der Allianz an. So mancher der Zuhörer im Hörsaal musste sich zusammenreißen bei dem Werbesong nicht mitzusingen (ich auch). Wir lernten auch, dass das damals nicht Reinhard Mey war, der in die Saiten griff, sondern ein anderer Musiker, der aber zugegebenermaßen recht deutlich an Mey erinnert.

Kurz darauf erläuterte der Referent, dass es heutzutage erheblich schwieriger sei als damals mit der Kommunikationsarbeit und einem guten Image für die Versicherungswirtschaft. Da würde der ach so starke Verbraucherschutz Probleme bereiten. Und ganz besonders schwer hat es die Versicherungswirtschaft derzeit in Sachen Bewertungsreserven, der Öffentlichkeit die Wahrheit nahe zu bringen.

Und so langsam wurde dann auch das Problem etwas deutlicher. Denn gerade die Journalisten („eigentlich gebildet“) hätten ja große Probleme den Argumenten des Lobbyverbandes zu folgen. Und mittlerweile würden sogar wirtschaftsnahe Zeitungen gegen die Pläne des Lobbyverbandes schreiben. Und mit Blick auf das Presseversorgungswerk würden diese Journalisten ihre „persönliche Betroffenheit“ in Berichterstattung „münden“ lassen.
Hintergrund: Ein Großteil der Journalisten hat zumindest Teile der persönlichen Altersvorsorge über das Presseversorgungswerk organisiert, manchmal gezwungen, manchmal freiwillig. Dabei handelt es sich um eine Versorgung ganz nach Art der klassischen Lebens- und Rentenversicherung. Dahinter steht ein Konsortium aus AXA, HDI und (federführend) der Allianz.

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Der Redner will keine Medienschelte betreiben

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  • Heute verkauft sich eine Lebensversicherung nicht mehr wie geschnitten Brot. Der potentielle Kunde hinterfragt das Produkt immer häufiger sehr kritisch - zumal er sich damit idR ein "Lebenslänglich" einkauft.
    Mir tun die Versicherung ja so fürchterlich leid, wenn die BürgerInnen mündiger werden....

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