Kleinleins Klartext: Wenn Versicherer bezahlbare Tarife verweigern

Kleinleins Klartext
Wenn Versicherer bezahlbare Tarife verweigern

Wer hohe Risiken hat, muss viel für die Police zahlen. Diese Regel wird einigen Berufsgruppen zum Verhängnis. Die Politik kann nicht darauf vertrauen, dass die Versicherer immer Angebote haben.
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Es ist schon grotesk. Da gibt es einen sehr, sehr alten Berufsstand, der seine Dienstleistung vergleichsweise günstig anbietet. Mit 8,50 Euro im Schnitt verdient eine Hebamme auf Mindestlohnniveau. Zukünftig vermutlich „verdiente“. Denn in Deutschland stirbt dieser Beruf mehr und mehr aus. Dank der privaten Berufshaftpflichtversicherung.

Wer jetzt eine Triade gegen die Versicherer erwartet, den muss ich enttäuschen. Was sollen denn die Versicherer angesichts der aktuellen Entwicklung machen? Das Problem ist eigentlich ein versicherungsmathematisches, ein aktuarielles. Bei den Hebammen prallen hohe Leistungen auf kleine Kollektive. Da kann man eigentlich nicht richtig kalkulieren. Warum?

Der Beruf der Hebamme birgt Risiken, wenn etwas schief geht. Und diese Risiken haben es in sich. Das ist eine Besonderheit an diesem Beruf – wenn sich solch ein Risiko realisiert, dann wird es meist sehr, sehr teuer. Nach dem mathematischen Gesetz der großen Zahl sind eigentlich auch solche großen Risiken für eine private Versicherung kein großes Problem - wenn denn die „große Zahl“ auch groß genug ist.

Üblicherweise versuchen die Versicherungsunternehmen diese große Zahl im eigenen Unternehmen zu erreichen, und wenn das nicht klappt, dann sucht man sich über einen Rückversicherer Hilfe. Der „bündelt“ die Risiken unterschiedlicher Unternehmen, sodass am Schluss – zumindest aus Sicht des Rückversicherers –alles wieder nach dem Gesetz der großen Zahl klappt.
Dieses „Bündeln“ von Risiken klappt aber nur, wenn auch branchenweit genügend Personen da sind, die diesen Versicherungsschutz benötigen. Bei Hebammen geht es aber nur um etwa 5.000 Personen. Das sind zu wenig für eine vernünftige Kalkulation, zumal sich ja diese einzelnen Personen auch noch bei unterschiedlichen Unternehmen versichern.

Damit rechnet es sich rein versicherungsmathematisch für die Unternehmen kaum noch, solche Haftpflichtversicherungen anzubieten. Denn die Gefahr ist ja sehr groß, dass ein einziger Versicherungsfall die gesamte Kalkulation abschmieren lässt. Deswegen muss der Versicherer eine erheblich höhere Prämie nehmen, um „für alle Fälle“ gewappnet zu sein bzw. um sich bei einem Rückversicherer Schutz holen zu können.

Ist aber die Prämie dann „aktuariell angemessen“ hoch, dann können sich das die Hebammen meist nicht mehr leisten. Wir erinnern uns: Dieser Berufsstand verdient auf Mindestlohnniveau. Die Konsequenz: Hebammen wird es bald nicht mehr geben.

Die Versicherungsunternehmen können hier eigentlich nichts tun. Natürlich könnten böse Stimmen fordern, dass sie die Tarife „billiger“ machen sollten, um etwaige Verluste dann auf andere Kunden zu übertragen. Fair ist das aber für die anderen Kunden nicht und vernünftig schon gar nicht. Auch könnte man fordern, dass die Unternehmenseigentümer zugunsten der Hebammen auf Gewinne verzichten sollten. Aber auch das trifft zuweilen die anderen Versicherten (bei Versicherungsvereinen) und es widerspricht auch eklatant dem Grundsatz, dass auch Versicherungsunternehmen eine Gewinnerzielungsabsicht haben dürfen (und sollen).

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„Vertraue niemals darauf, dass Versicherer Angebote haben“

Kommentare zu " Kleinleins Klartext: Wenn Versicherer bezahlbare Tarife verweigern"

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  • Die Lösung ist sehr einfach: Hebammen werden gebraucht. Bei Fehlern muss die Hebamme einfach verstärkter aus der Haftung genommen werden. Im Gegensatz zum Arzt, der eine solche Police bezahlen kann, ist dies notwendig. Man muss es nur im Gesetzt entsprechend verankern und auf Hebammentätigkeiten begrenzen.

  • da gibt es ja noch einen anderen Aspekt: die Versicherer dürfen Geld verdienen und passen die Preise ihrer Produkte an damit sie die Schadensfälle bedienen können und natürlich einen ordentlichen Gewinn machen. Hebammen dürfen ihre Preise nicht selbst festlegen, die sind außerhalb der GKV zB in der Hebammengebührenverordnung festgelegt. Im Bereich der GKV weiß ich nicht wie es geregelt wird, aber bei einem Stundenlohn von 8,50 will die GKV nicht, daß die Hebammen wirtschaftlich überleben. Die Hebammen dürfen GKV-Patienten nicht nach der "HebGebV" abrechnen. D.h., die Politik hat es so eingerichtet, daß Hebammen wirtschaftlich nicht überleben können.

  • Die aufgezeigte Entwicklung ist schon "lustig".
    Aber, Herr Kleinlein, wir können Entbindungen bzw. die Arbeit der Hebammen dann in´s Ausland verlagern. Funktioniert bereits im Pflegebereich.
    Spart Kosten und Risiko.

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