Kurz und schmerzhaft

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Kleinleins Klartext: Wie die Allianz den Garantiezins gestaltet

Die Kreativität der Versicherungsmathematiker ist groß, insbesondere wenn es um den Garantiezins in der Lebensversicherung geht. Das zeigt sich auch an einem neuen Produkt des Marktführers.

Axel Kleinlein gilt aktuell als einer der schärfsten Kritiker der Versicherer. Er ist Vorsitzender des Vorstandes beim Bund der Versicherten.
Axel Kleinlein gilt aktuell als einer der schärfsten Kritiker der Versicherer. Er ist Vorsitzender des Vorstandes beim Bund der Versicherten.

Mathematiker sind von Haus aus sehr kreativ. Das müssen sie sein, das haben sie im Studium gelernt. Anders als Ärzte, Juristen oder Biologen müssen Mathematiker im Studium nämlich nichts auswendig lernen, sondern alle Theoreme, Beweise und Lemmata immer eigenständig herleiten können. Da ist Kreativität von Nöten. 

Auch Versicherungsmathematiker (im Fachjargon Aktuare) können diesen Drang zur Kreativität nicht ablegen. Zwei Beispiele dieses unbändigen Einfallsreichtums durften wir in den letzten Wochen kennenlernen: Die neuen Garantie-Angebote der Ergo und Allianz. Besonders letztere wartete mit einer neuen Garantiekonstruktion auf, die bislang ihresgleichen sucht (und hoffentlich auch nicht so schnell findet). 

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Was ist nun das Neue an der „Perspektive“? In der Produktpräsentation wird erst einmal darauf verwiesen, dass die Kundengelder über das klassische Sicherungskapital angelegt werden, in einem „hervorragenden Spezialfonds“. Diese Kapitalanlage ist in der Tat nicht die schlechteste. Neu ist das aber nicht, sondern im Klassiktarif seit über hundert Jahren üblich. 


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Ein großer Unterschied zum Klassiktarif: Es wird in der „Perspektive“ nur garantiert, dass zu Rentenbeginn mindestens soviel Kapital zur Verfügung steht, wie an Prämien insgesamt eingezahlt wurde. Anders als beim Klassiktarif scheint sich die Garantieleistung also nicht über einen Rechnungs- oder Garantiezins zu errechnen. Bedeutet das nun, dass die „Perspektive“ bis zum Rentenbeginn keinen Rechnungszins kennt? 

In den Versicherungsbedingungen gibt es einen Paragrafen, in dem ausdrücklich die für den Vertrag gültigen „Rechnungsgrundlagen“ aufgeführt werden. Demnach gibt es sogar einen Rechnungszins von 1,75 Prozent, der aber anscheinend nur zur Ermittlung der garantierten Rentenhöhe verwendet wird. Ansonsten gibt es keinen Hinweis auf eine Verzinsung auch vor Rentenbeginn. 

Wer sich dann mit dem Produktinformationsblatt beschäftigt stellt fest, dass es ein sogenanntes „Deckungskapital“ gibt. Dieses errechnet sich über den „verzinslich angesammelten Teil des Beitrags“. Es gibt also doch auch von Anfang an einen Zins, der irgendwie auf einen Teil des Beitrags angesetzt wird. Nur wie hoch der ist, das ist schwer zu erkennen. 

  • 28.07.2013, 14:43 Uhre.stopp

    Wenn Kritiker kritisiert werden, mit dem Argument, das Sie das Produkt nicht verstehen? Was sollen da erst Kunden verstehen können? Oder sollen sie eigentlich auch nichts verstehen? Inklusive Vermittler!
    Es ist garantiert, dass nichts garantiert ist. Siehe VVG §§ 153, 163, 169 und VAG § 89. Das sind die Fakten. Punkt. Rentenversicherung für 20,30,40 ...80 Jahre an Kunden zu vermitteln, bedeutet der Kunde geht eine Wette ein, die der Anbieter meist gewinnt. So kann ich Herrn Bluhm nur 100 % zustimmen. Als Versicherungsmakler kann ich diese untauglichen Produkte ( Rürup -und Riester -R Enten...der Höhepunkt des privaten Renten-Schwachsinns) nicht empfehlen.
    Herr Bluhm hat den Lösungsansatz schon beschrieben. Ein weitere wäre die Stärkung der gesetzlichen Rentenversicherung, zurück zum Stand ( rentenformel ) vor 2001. Dann ist das Problem ( fast) gelöst.
    E.S. Versicherungsmakler

  • 25.07.2013, 16:47 UhrIch_unverbesserlich

    Warum verstehen manche Leute nicht, das die Renten/Lebensversicherungen nicht gekürzt werden? Lediglich die Prognosse wird gesenkt und daher kommt eine niedrigere Leistung raus.
    Informieren Sie sich mal bezüglich den Begriffen Garantieleistung und Gesamtleistung...

    Sie können sich dann beklagen, wenn Ihnen die damalige Gesamtleistung als "garantiert" versprochen wurde. Aber dann ist immer noch der Vermittler haftpflichtig und nicht irgendeine Versicherung.

    Diese Stammtischparolen helfen niemandem weiter!

  • 25.07.2013, 12:09 UhrBluhmRA

    Machen wir uns doch nichts vor:

    Allianz und ERGO sind auf dem Rückzug, dies lediglich unter vertraglicher und sprachlicher Verschwurbelung. Doch immerhin: WENN ein Versicherer offen und ehrlich einräumt, dass er nichts garantieren kann und will, ist das doch ein erster Schritt in die richtige Richtung. NUR: Machen Allianz und ERGO dies wirklich deutlich? Erschließt es sich dem "durchschnittlichen Versicherungsnehmer"? Oder steht es nur im Kleingedruckten, während im Großgedruckten weiterhin Fehlvorstellungen erzeugt werden, so dass sich die Kunden reichdenken können?

    Ferner macht der Vorgang erneut klar, dass die kapitalbildenden Versicherungen überflüssig wie ein Kropf sind: Wer Familie hat, sollte zunächst einmal für eine angemessen niedrige Prämie eine ausreichend dimensionierte Risiko-Lebensversicherung abschließen. Wer dann noch Geld anlegen will, dem bietet nahezu jede organisatorische Alternative die gleiche (oder eine höhere) Rendite, dies bei niedrigeren Kosten und voller Flexibilität. Die (zudem nur hälftige) Steuerfreiheit der Kapitalerträge ist schließlich kein Lockmittel mehr, wenn die Kapitalerträge nur knapp über der Verdunstungsgröße liegen.

    Alles dies gilt nicht nur für die kapitalbildende Lebensversicherung, sondern auch für die kapitalbildende Rentenversicherung. Auch hier ist ein intelligenter (und kostengünstiger) Sparplan mit späterem Verzehr des Angesparten fast immer die bessere Lösung. Wer meint, dass der Versicherer im Falle einer Rentenversicherung immerhin das Langlebigkeitsrisiko trägt, der übersieht, dass jeder Rentenversicherer diesem Risiko durch die Wahl geeigneter Sterbetafeln mit zusätzlichen Sicherheitszuschlägen Rechnung trägt.

    Also, liebe Versicherer: Macht EUER Geschäft. Deckt zu fairen Konditionen Risiken ab und bezahlt Eure Vermittler HIERFÜR angemessen. Überlasst die Organisation von Sparvorgängen anderen und macht Euch dabei bewusst: Das "Alter" ist KEIN "Risiko", denn es ist "sicher".

Kolumnen Autoren

Hans-Peter Siebenhaar - Medien-Kommissar

Handelsblatt-Redakteur mit den Schwerpunkten Medien und Telekommunikation. In seinem neuen Buch „Die Nimmersatten. Die Wahrheit über ARD und ZDF“ rechnet er mit dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk ab.

Seine Kolumne erscheint jeden Montag

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Herbert Walter - Finanzlotse

Axel Kleinlein - Ver(un)sicherer

Christoph Bruns - Anlagestratege

ist Fondsmanager und Inhaber der Fondsgesellschaft LOYS AG.

Seine Kolumne erscheint jeden Donnerstag

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Wolfram Weimer - What’s right?

Michael Steinbrecher - Spielmacher

Michael Steinbrecher ist Journalist, Fernsehmoderator und seit 2009 Professor für Fernseh- und crossmedialen Journalismus am Institut für Journalistik der TU Dortmund. Von 1992 bis Mitte 2013 hat er das ZDF-Sportstudio moderiert und war für das ZDF als Moderator bei zahlreichen Sport-Großereignissen wie Fußballwelt- und Europameisterschaften sowie Olympischen Spielen vor Ort.

Seine Kolumne erscheint am Samstag.

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