Professor Chiffre
Das deutsche Geschäftsmodell - (k)ein Auslaufmodell?

Bei wirtschaftlichem Abschwung wird das deutsche Geschäftsmodell infrage gestellt, wohingegen Exporterfolge zu Exportexzessen führen. Das „Modell des exportbetriebenen Wirtschaftswachstums“ ist nicht zufällig entstanden.
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Jedes Mal, wenn sich ein wirtschaftlicher Abschwung ankündigt, wird das deutsche Geschäftsmodell, das exportorientierte Wirtschaftswachstum, infrage gestellt – nicht nur von niedergangsverliebten Wirtschaftsjournalisten, sondern auch von so renommierten  Ökonomen wie Paul Krugman oder Josef Stiglitz. Exporterfolge werden zu Exportexzessen, und die ausgeprägte Integration in die internationale Arbeitsteilung lässt die deutsche Wirtschaft „wie ein Korken auf der Weltkonjunktur schwimmen“ (Hans-Werner Sinn). Deshalb war es am Montag dieser Woche für die Financial Times Deutschland klar, dass die Gleichzeitigkeit einer sich abzeichnenden  wirtschaftlichen Abkühlung in China und des Durchwirkens der Eurokrise auf die europäische Konjunktur zeigen werde, dass weder  dieses Geschäftsmodell noch die bemerkenswerte Reindustrialisierung Deutschlands in der jüngeren Vergangenheit „nachhaltig“ seien.

Durch ihre permanente Wiederholung wird diese seit vielen Jahren vorgebrachte Kritik nicht überzeugender. Das „Modell des exportgetriebenen Wirtschaftswachstums“ ist weder zufällig in den letzten Jahren entstanden, noch wurde es von irgendwelchen Wissenschaftlern am Reißbrett entworfen und von hörigen Politikern umgesetzt, sondern ist das Resultat von sich in über 150 Jahren herausgebildeten komparativen Kostenvorteilen unserer Volkswirtschaft.

Es spricht nichts dagegen darüber nachzudenken, ob dieses  Modell auch im Falle kürzer und heftiger werdender Schwankungen  der Weltwirtschaft  erfolgreich sein kann. Forderungen allerdings, die unbestreitbaren Wachstums- und Beschäftigungserfolge unserer Ökonomie mit dem Verweis auf zu hohe Leistungsbilanzüberschüsse heute zur Disposition zu stellen und die Exporte durch einen kräftigen  Anstieg der Lohnstückkosten, sprich der Produktivitätsentwicklung vorauseilende  Löhne zu dämpfen, sollte mit  Skepsis begegnet werden. Denn das Trendwachstum des Weltsozialprodukts liegt bei etwa 4 Prozent, und der Welthandel wächst fast doppelt so schnell wie die globale Produktion. Abnehmende Exportquoten würden dazu führen, dass unsere alternde Gesellschaft in geringerem Maße  an dieser  weltwirtschaftlichen Dynamik partizipieren könnte. Eine ökonomisch klügere Antwort auf als zu hoch angesehene Leistungsbilanzüberschüsse wäre eine Politik, die die Gründung neuer, zumeist  binnenwirtschaftlich tätiger Unternehmen fördert und vor allem Tarifabschlüsse anstrebt, die den gesamtwirtschaftlichen Verteilungsspielraum vollständig ausschöpfen. Dieser Spielraum entspricht der Summe aus dem gesamtwirtschaftlichen Produktivitätszuwachs und dem Preisniveaustabilitätsziel der EZB von knapp 2 Prozent - also über alle Branchen gerechnet von etwa 3,5 Prozent pro Jahr.  

Bei den kritisierten Leistungsbilanzüberschüssen handelt es sich aus einer gesamtwirtschaftlichen Kreislaufperspektive um  Ersparnisse. Und solche Ersparnisse können für  alternde Gesellschaften eher von Vorteil als ein Defekt sein. Denn sie können – sofern diese Sparüberschüsse nicht in Schrottimmobilien oder Ramschpapiere angelegt wurden - zurückgeholt werden und ermöglichen es, in Zeiten eines schwächeren Wachstums den privaten Verbrauch auszuweiten - so in der Zeit nach dem Jahr 2020, wenn bei uns als Folge des ausgeprägten Rückgangs der Erwerbsbevölkerung mit einem dann abnehmenden Wachstumspotenzial auch die Konsummöglichkeiten beeinträchtigt werden. Mit diesem Rückgang der Anzahl der produktiv Tätigen im Vergleich zu den nicht erwerbstätigen Konsumenten, sprich den  Älteren und den Kindern, werden sich dann die Leistungsbilanzüberschüsse unserer Volkswirtschaft ganz von selbst zurückbilden.

Bert Rürup, geboren 1943 in Essen, hat fast 30 Jahr lang die Bundesregierung beraten und war unter anderem Chef der Wirtschaftsweisen. Mit Carsten Maschmeyer hat er das Beratungsunternehmen MaschmeyerRürup gegründet.

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  • @blackstone: volle Zustimmung=> Liebes HB, bitte Kompetenz und Unabhängigkeit bei Autoren statt abhängige mediokere Dampfplauderer. Und Herrn Rürup immer wieder ein Forum zu geben ist schon für ein seröses Blatt etwas merkwürdig. Ich hoffe, Rürup zahlt für solche Artikel und nicht das HB....(als Abonnent hätte ich keine Lust, solch einen Artikel auch noch zu subentionieren). Ich lese ohnhin grunds. keine Artikel, die Rürup verfasst hat, weil Wissensgewinne nicht vorhanden sind. Diesen Autor daher bitte einfach weglassen, Sie werden genügend gute Alternativen finden können, oder?

  • "Durch ihre permanente Wiederholung wird diese seit vielen Jahren vorgebrachte Kritik nicht überzeugender. Das „Modell des exportgetriebenen Wirtschaftswachstums“ ist weder zufällig in den letzten Jahren entstanden, noch wurde es von irgendwelchen Wissenschaftlern am Reißbrett entworfen und von hörigen Politikern umgesetzt, sondern ist das Resultat von sich in über 150 Jahren herausgebildeten komparativen Kostenvorteilen unserer Volkswirtschaft."
    Bert Rürup

    Also Herr Rürup, nun hats doch mal was von ihnen in meine Zitate Sammlung geschafft, ich bin begeistert.

    Anmerken mag ich aber eine "bemerkenswerte Reindustrialisierung", wie sie es sagen,
    hat es nie gegeben wir habn nur weniger platt gemacht, seit den 90ern, als alle anderen...
    der Mittelstand und auch die genossenschafts banken sind seit 13 jahrn angriffen der EU ausgesetzt.....
    siehe zb auch grad die EU gmbh sache..

    unsere "Freunde" sind nie müde uns stöcke in die radspeichen zu stecken...

    Wenn sie also nun noch die EU als Korsett für D erkennen fällt ihnen auch der Rest der "komischen zufälle" auf..

    Oktober 2010 liefen die Reperationen für den 1 Wk aus..
    seitdem heist das "Rettungsschirm", für mich sind das Schutzgeld zahlungen.


    Fakt ist werte entstehen aus arbeit und nicht aus Luftbuchungen,

  • Ach hätten wir doch den Sachverstand der hier schreibenden in der Politik - dann hätten wir auch längst wieder Familien mit 12 Kindern zur Altersversorgung, anstelle eines Sozialstaates und ausnahmslos genügsame schwäbische Hausfrauen, die trotzdem kaum Geld in einen Sparstrumpf stecken könnten. Geld wäre dann sehr wahrscheinlich ein derart knappes Gut, dass wenige Superreiche die restliche Bevölkerung zu ihrer Unterhaltung terrorisierten. Nein, die niedrigen Zinsen, die wir heute erleben, dürften Ausdruck eines sich konsolidierenden Systems sein, in dem die Höhe der Kreditforderungen sich auf die leistbaren Gegenwerte der Realwirtschaft einpendelt. Die deutschen Leistungsbilanzüberschüsse sind zu einem guten Teil Kredit- und Zinsforderungen an andere Volkswirtschaften. Nicht nur wegen des heutigen volkswirtschaftlichen Zahlungsausfallrisikos ist Rürups Vorschlag der Stärkung neuer inländischer Unternehmen deshalb sinnvoll. Eine direkte Subventionierung z.B. über Gründerkapital ist jedoch aus Sicht bestehender Unternehmen abzulehnen. Es müßten zuerst die wirtschaftlichen Rahmenbdingungen, wie ein signifikannter Abbau stetig wachsender Bürokratie und niedrigere Hürden in der Beschäftigungspolitik realisiert werden. Doch wie soll das gelingen, wenn allgemeines Anspruchsdenken und in Beton gegossene staatliche Bevormundung jegliche Reformbemühungen schon im Keim ersticken?

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