Professor Chiffre
Der hybride Sozialstaat

Sozialpolitik, also die Absicherung der großen Lebensrisiken, ist eine politische Dauerbaustelle. Sozialpolitiker des alten Schlages werden allerdings umdenken müssen.
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Hybrid stand früher  für „Bastard“, eine minderwertige Kreuzung von zwei Arten, heute dagegen für eine intelligente Kombination beispielsweise zweier etablierter Technologien wie den zukunftsweisenden Hybridantrieb von Automobilen. Und der hybride Sozialstaat ist keine sterile Sackgasse, sondern die zeitgemäße Antwort auf ein altes Problem.

In ihrer jüngsten Studie zur Zukunftsfähigkeit unserer Sozialversicherungen kam die Prognos-AG zu dem für manche überraschenden Ergebnis, dass „die umlagefinanzierten Sicherungssysteme .... insgesamt betrachtet für die kommenden Jahrzehnte gut aufgestellt (sind)“. Dieser erfreuliche Befund spiegelt gleichermaßen den Erfolg der Reformen der Jahre 2001 bis 2007 wider wie eine Verschiebung der Koordinaten unseres Systems der sozialen Sicherung.

„Soziale Sicherung“ zielt im Kern darauf ab, die großen Lebensrisiken, genauer damit verbundene Einkommens- und Vermögensrisiken, zu entprivatisieren, sprich zu kollektivieren. Wer deshalb für eine Stärkung der Eigenverantwortung plädiert – wofür es gute Gründe geben kann ­– sollte so ehrlich sein und von Reprivatisierung reden.

Die bei uns gefundene Lösung für die soziale Absicherung besteht im Wesentlichen aus dem Netz der Fürsorge (Sozialhilfe, Arbeitslosengeld II, Grundsicherung in Alter und bei Erwerbsminderung) und dem System unserer fünf Sozialversicherungen. Ein Anspruch auf Fürsorgeleistungen setzt Bedürftigkeit voraus, ein Anspruch auf eine Sozialversicherungsleistung erwächst aus zuvor geleisteten Beiträgen und ist unabhängig von der individuellen Einkommens- und Vermögenssituation. Das Altern der Bevölkerung und auch ein  Rückgang des Anteils der Arbeitseinkommen am gesamten Volkseinkommen setzten – nicht nur in Deutschland – die umlage-finanzierten Sozialversicherungssysteme unter Druck.

Der „hybride Sozialstaat“ ist die Antwort auf diese Herausforderungen. Dieser Begriff wurde von Frank Berner in seiner bemerkenswerten Dissertation geprägt. Er soll ausdrücken, dass die Unterscheidung und Trennung „öffentlich“ versus „privat“ bei der Absicherung der großen Lebensrisiken einer Kooperation beider Prinzipien weicht.

Kommentare zu " Professor Chiffre: Der hybride Sozialstaat"

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  • @ margrit117888: Dem sollte meiner Meinung nach durch staatliche Arbeitsbeschaffung entgegengetreten werden (nach einer bestimmten Schonzeit). Wir könnten viel mehr Blumenbeete an den Straßenrändern brauchen ...

  • Was diesen üblen Schwätzer Rürup betrifft, gebe ich Ihnen voll und ganz Recht.
    Er gehört doch auch zu denen, die nur ihren eigenen Vorteil gesucht haben.
    Der Regierung immer nur geraten haben, das Volk noch mehr auszubeuten, noch mehr zu kürzen etc.
    Heute ist er im Maschmeyer-Unternehmen.
    Und dann wagt er es immer noch, Artikel über unsre Sozialsysteme im HB zu schreiben, das ist an Unverschämtheit eigentlich nicht zu überbieten
    Wäre ich Chefredakteur beim HB, würde ich einem solchen Typen keine Öffentlichkeit geben.

  • In den Ländern, die Rürup nennt, weil sie uns 20 Jahre voraus sind, werden demnach auch bals viele Rentner pleite sein. Dort warten Millionen auf die Aufklärung der von Ihnen propagierten Altersarmut, z.B. alle Japaner. Bitte fahren Sie hin und klären Sie diese Länder als Wohltäter und Retter auf, damit sie noch "ihre Kurve" kriegen. Fangen Sie in der Schweiz an, und dann immer weiter. Die halbe Welt wartet auf Sie. Sie sind wissenschaftstheoretisch unverzichtbar. Und erklären Sie auch, dass umlagefianzierte Systeme dann am sichersten sind, wenn sich das Verhältnis von Zahlern und Empfängern von 4:1 auf 2:1 verkleinert. Dann schreiben Sie noch einen schönen Aufsatz dazu, revolutionieren die Ökonomie und bekommen den Nobelpreis!

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