Professor Chiffre
Der Inflations-Fehlalarm

Mit einer großen Inflations-Schlagzeile hat die Bild-Zeitung die Angst der Deutschen vor einer Geldentwertung geschürt. Doch der Alarmismus ist unbegründet. Ein Faktencheck.
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Die Schlagzeile der Bild-Zeitung vom Freitag hatte es in sich: „Inflationsalarm! Die Bundesbank weicht den Euro auf“. Die Boulevard-Zeitung stützte sich dabei auf eine Aussage von Jens Ulbrich, dem Chefvolkswirt der Deutschen Bundesbank. Der hatte vor dem Finanzausschuss des Deutschen Bundestags gesagt, dass die Preissteigerungsrate in Deutschland in der nächsten Zeit nicht nur über dem Mittelwert der letzten Jahre, sondern auch über dem bisherigen Durchschnittswert für den Euroraum von 2,2 Prozent liegen dürfte. Die guten Wirtschaftsaussichten würden laut Ulbrich dazu führen, dass die Europäische Zentralbank (EZB) ihr Inflationsziel – eine Zunahme der Verbraucherpreise im Euro-Raum, die "unter, aber nahe bei zwei Prozent" liegt – in naher Zukunft verfehlen dürfte.

Der zweite Kronzeuge, den Bild aufbot, war der Finanzwissenschaftler Stefan Homburg. Homburg, der immer dann bereit steht, wenn alarmistische Voraussagen gefragt sind, assistierte mit dem kernigen Statement, dass sich der Preisanstieg auf fünf Prozent mehr als verdoppeln würde. Bei einer Verschärfung der Euro-Krise seien sogar zehn Prozent drin.

Da die meisten Deutschen mit einem Anti-Inflations-Gen zur Welt kommen, werden solche Meldungen begierig aufgenommen. Aber stimmen sie auch? Werfen wir einen Blick auf die Fakten:

  • Die Verantwortung für die Geldwertstabilität im Euro-Raum liegt bei der EZB. Es gibt kein separates Stabilitätsziel für die Bundesrepublik Deutschland. Die Bundesbank hat seit 1998 kein eigenes geldpolitisches Mandat mehr. Die Bundesbank kann den Euro deshalb weder härten noch aufweichen.

  • In der Zeit, in der die Deutsche Bundesbank die Stabilitätsverantwortung für die D-Mark hatte, lag die Inflationsrate im Durchschnitt bei 2,7 Prozent. Seit es den Euro gibt, und die Verantwortung für die Geldwertstabilität auf die EZB übergegangen ist, waren es im Euroraum 2,2 und in Deutschland 1,5 Prozent. Am aktuellen Rand liegt die Teuerungsrate aufgrund der Verbrauchsteueranhebungen in einer Reihe von Euro-Ländern bei 2,7, in Deutschland aufgrund der gestiegen Energiepreise bei 2,1 Prozent. Von einer zweifelhaften Stabilitätskultur der EZB kann keine Rede sein.

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Der Inflations-Fehlalarm

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Ein Sturm im Wasserglas

Kommentare zu " Professor Chiffre: Der Inflations-Fehlalarm"

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  • Warum kritisiert er Stefan Homburg so offen? Herr Homburg ist Stellvertretender Aufsichtsratsvorsitzender der MaschmeyerRürup AG.

  • Lieber Professor, wer mit einem Menschen wie Herrn Maschmeyer engstens zusammenarbeitet, wer so viele Jahre die Bundesregierung "betreut" hat, wer so viele Menschen so viele Jahre belogen und hintergangen hat um die eigenen Machtphantasien auszuleben, der setzt selbstverständlich immer noch eine "oben drauf"! Es ist eine Frechheit, wie Leute wie Sie sich überhaupt noch äußern dürfen!!!

  • V.a. skyjumper aber auch andere haben hier schon auf völlig berechtigte Einwände hingewiesen. Da ich aber doch vom ehemaligen Chef-Weisen Rürup unseres Staates aufgrund dieses schwachen Kommentares wegen enttäuscht bin und da die Leugnung des Inflationsrisikos viele Deutsche bitter treffen kann folgende Hinweise von Anfang an:
    Ja, die EZB ist für Geldwertstabilität verantwortlich. Dies verschlimmert das Risiko aber (s.u.). Und erneutes ja, der bisherige Inflations-Trackrekord ist gut, aber 1. war das Umfeld dafür bis 2007 sehr einfach (s. rational) und 2. hat die EZB in den letzten zwei Jahren ihre bisherige Politik (die stabilitätsorientierte an der Bundesbank angelehnte) drastisch geändert!
    Bzgl. der Geldbasis: Dies ist die Größe die die ZB steuern kann und sie hat diese extrem drastisch ausgeweitet. Den weiteren Transmissionskanal hin zur Geldmenge hat die ZB dagegen kaum bis gar nicht in der Hand. Haupthindernis für eine massive Expansion der Geldmenge ist das derzeitige Umfeld. Das Geld hat bisher eher zu einer starken Inflation verschiedener Asset-Klassen geführt (u.a. Anleihen, Rohstoffe und teils Immobilien). Wenn sich das Umfeld ändert so wird es zu starker Inflation kommen.
    Doch klar, die EZB kann gegensteuern, doch wie? 1. Schritt ist die Reduzierung der Liquidität. Doch dies kann sie kaum machen da sie einerseits die Tender für bisher noch nie dagewesene 3 Jahre ausgelegt hat und andererseits viele Banken auch noch in den nächsten Jahren darauf angewiesen hat (etwas überspitzt hat sie sich ihre Süchtigen geschaffen). 2. Zinserhöhungen wären nötig. Doch genau hier ist sie (im Gegensatz zu früher) nicht mehr frei. Einerseits wegen der wohl anhaltend massiven wirtschaftlichen Schwäche in vielen Südländern und andererseits wegen dem politischen Druck in Folge der massiven Verschuldung nahezu aller Eurostaaten.
    Ganz schön naiv wenn Hr. Rürup all dies nicht sieht...

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