Professor Chiffre
Die Medien sind dankbar für die Eurokrise

Nichts lässt sich besser verkaufen als Angst und Skandale. Die Eurokrise ist für die Medien da ein idealer Stoff.
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Immer wenn es auch nur zu einer geringen Häufung von Infektionskrankheiten kommt – man denke nur an die Schweinegrippe oder die paar Ehec-Fälle im Frühsommer – droht daraus eine wachstumsgefährdende Pandemie zu werden. Es gibt keinen Stresstest von Banken, dessen Ergebnisse nicht Vorboten eines Kollaps des globalen Finanzsystem sein könnten. Wenn die chinesische Regierung beschließt, das Expansionstempo der Ökonomie von derzeit über 9 Prozent auf 8 Prozent im nächsten Jahr zu dämpfen, wird daraus eine Rezession oder gar das Ende des chinesischen Wirtschaftswunders.

Ist die Welt denn wirklich so gefährlich und gefährdet? Nein, aber schlechte Nachrichten lassen sich durchweg besser vermarkten, da Unsicherheit und Angst beachtliche Lese- und damit Kaufmotive sind. Noch vor einem halben Jahr wurde vom Wirtschaftsstandort Deutschland ein positives Bild gezeichnet. Die deutsche Volkswirtschaft war so schnell wie kaum eine andere Ökonomie gestärkt aus der globalen Krise des Jahres 2009 herausgekommen, und die Entwicklung am Arbeitsmarkt war so erfreulich, dass man  das Wort „Vollbeschäftigung“ in den Mund nehmen konnte.

Nun hat sich über Nacht die Medienwelt - fast dankbar - der europäischen Banken- und Staatsschuldenkrise zugewendet. Ein Kollaps des Eurosystems ist zwar extrem unwahrscheinlich, aber darüber zu berichten ist offensichtlich viel verkaufsfördernder, als sich mit den sehr viel relevanteren, jedoch staubtrockenen rechtlichen Themen wie etwa einer Beseitigung der Geburtsfehler der Gemeinschaftswährung auseinanderzusetzen oder der Frage, ob die zwischenzeitlich allseits angestrebte Fiskalunion ohne die Einrichtung einer Transferunion überhaupt möglich ist.

So verwundert es nicht, dass wie in einem Herdentrieb seit einigen Monaten zunehmend mehr Publikationsorgane zu Wirtschaftszeitungen mutieren und dabei irrelevante Fragen wie anstehende Währungsreformen, die Bildung einer Nordeurounion oder - unter der Parole „Schulden kann man nicht mit Schulden bekämpfen“ - die Unfähigkeit unser Demokratien der Staatsverschuldung Einhalt zu gebieten thematisieren. Doch genau wie der Hochfrequenzhandel die Umsätze an den Börsen explodieren lässt, aber den Informationsgehalt der Aktienkurse über die Werthaltigkeit der Unternehmen verringert, droht die Gefahr, dass die Medien trotz ihres Anspruchs auf objektive Berichterstattung zu einer verzerrten Wahrnehmung der wirtschaftlichen Realität und der realistischen politischen Optionen beitragen.

Bert Rürup, geboren 1943 in Essen, hat fast 30 Jahr lang die Bundesregierung beraten und war unter anderem Chef der Wirtschaftsweisen. Mit Carsten Maschmeyer hat er das Beratungsunternehmen MaschmeyerRürup gegründet.

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  • "... dabei irrelevante Fragen ... - unter der Parole „Schulden kann man nicht mit Schulden bekämpfen“ - die Unfähigkeit unser Demokratien der Staatsverschuldung Einhalt zu gebieten thematisieren".

    Rürup will uns also ernsthaft verkaufen, daß Staatsschulden irrelevant sind und daß die Verschuldungsorgien der Politiker kein Thema sind. Für wie dämlich hält er eigentlich die Bürger?

  • Herr Rürup sollte einmal die heute veröffentliche "Bogenberger Erklärung" von wirklichen und sachkundigen Experten zur Kenntnis nehmen, die er natürlich nicht unterzeichnet hat. Hier wird mit aller gebotenen Klarheit dagelegt und präzise analysiert, dass der Euro selber, die Ursache für die existentielle Krise dastellt, in die er geraten ist.

  • Rürup hat natürlich wieder einmal nur den vermeinlichen Vorteil im Auge, den die deutsche Exportindustrie durch den Einheitseuro angeblich so reichlich genießt.
    Nicht berücksichtigt er die erheblichen Wettbewerbseinbußen der Peripherieländer, die mit dem Verlust ihrer eigenen Währungen einhergegangen ist und die massiv unter der deutschen Exportschwemme leiden. Konvergenzeffekte, die mit der Einführung des Euros versprochen und erwartet wurden sind nicht eingetreten, sondern das Gegenteil. Diese Divergenzen sind doch ein Teil des Problems und auch der ausufernden Staatsschulden in der Peripherieländern.
    Ein umfassender Blick auf die wirklichkeit ist peinvoll für Experten wie Herrn Rürup, deshalb ist er ein Verdrängungskünstler par excellence und begnügt sich damit Teilaspekte für das Ganze zu nehmen.

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