Professor Chiffre
„Ein ewigwährender Untergang“

Die Geburtenraten sind niedrig, die Lebenserwartung dagegen steigt. „Vergreisung“ oder „Deformierte Gesellschaft“ nennt man diese Entwicklung angsterfüllt in Deutschland. Dabei ist das Problem nur temporärer Natur.
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So lautet der Titel eines 2007 erschienen Buches von Thomas Etzemüller. In dieser bemerkenswerten Arbeit beschreibt und analysiert dieser junge Professor für Neue Geschichte, die fast sehnsüchtige Neigung vieler Meinungsführer in einer ganzen Reihe etablierter Industriestaaten – und nicht zuletzt in Deutschland -, das Menetekel eines demografischen Kollaps als Folge des Bevölkerungsrückgangs massenmediengerecht an die Wand zu malen.

Kaum jemand wird ernsthaft bestreiten, dass eine Verschiebung der Bevölkerungsstruktur als Folge niedriger Geburtenraten und steigender Lebenserwartung sowohl mit einer Beeinträchtigung der Wachstumsperspektiven verbunden ist als auch einen Anpassungsdruck auf umlagefinanzierte Sozialversicherungen ausübt. Es gibt eine ganze Reihe von Ländern, die mit sehr ähnlichen demografischen Gegebenheiten konfrontiert ist wie Deutschland: Aber in keinem anderen Land werden Schrumpfung und Alterung so angstbesetzt und damit irrational diskutiert wie hier. "Vergreisung", "Verglühen des produktiven Kerns" oder "Deformierte Gesellschaft" sind eigentlich nur bei uns zu hören.

Und die Metapher von der "demografischen Zeitbombe" ist beliebt aber grottenfalsch. Viel eher ist demografische Entwicklung in unserem Land mit einer Gletscherschmelze zu vergleichen, also einem schleichenden Prozess, der kaum aufzuhalten ist, auf den man sich aber vorbereiten kann. Und die wirtschaftlichen Herausforderungen, mit denen die Politik konfrontiert ist, resultieren dabei in erster Linie aus der Alterung der Bevölkerung, also einem markanten Anstieg des Altenquotienten, nicht aber aus dem  Bevölkerungsrückgang.

In den nächsten 40 Jahren wird die Wohnbevölkerung in Deutschland um etwa 10 Prozent - von derzeit knapp 82 auf etwas weniger als 74 Millionen Personen - zurückgehen, die Personen im erwerbsfähigen Alter im gleichen Zeitraum aber um deutlich mehr als 20 Prozent, nämlich von etwa 50 auf knapp 39 Millionen. Das langfristige Produktivitätswachstum beträgt bei uns seit Langem etwa 1,5 v.H. pro Jahr. Da nicht mit einem Anstieg zu rechnen ist, bedeutet der Rückgang des Erwerbspersonenpotenzials eine Dämpfung nicht nur des gesamtwirtschaftlichen Wachstums, sondern vor allem des Bruttoinlandsprodukts pro Kopf. Diese demografische Wachstumsbremse kann allerdings durch eine Politik der Erwerbsquotenerhöhung gelockert werden Die auf den Weg gebrachte Anhebung des gesetzlichen Renteneintrittsalters leistet hierzu einen nicht unbedeutenden Beitrag. Der Bevölkerungsrückgang wird aber anhalten. Denn es ist nicht damit rechnen, dass die Geburtenraten deutlich ansteigen werden oder dass die langfristige demografische Entwicklung von der Zuwanderung in relevantem Maße  beeinflusst werden kann.

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Zwei Ursachen

Kommentare zu " Professor Chiffre: „Ein ewigwährender Untergang“"

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  • Diese Werbebeiträge von Rürup, Maschmeyer und Co. auf HB nerven mich schon eine ganze Weile. Ich hatte das HB mal abonniert. Das werde ich aber nie wieder machen. Augenscheinlich folgende Zeile: „Anpassungsdruck auf umlagefinanzierte Sozialversicherungen“. Was er damit aussagen will, ist wohl klar. Aber wie sollen kapitalgedeckte Sozialversicherungen besser funktionieren als Umlagefinanzierte, wenn die Zinsen ja nur von der jeweils erwerbstätigen Bevölkerung verdient werden kann. Mit der kapitalgedeckten Versicherung geben wir einen Teil der Rente direkt an die Versicherungswirtschaft. Gandhi: „Die Welt hat genug für jedermanns Bedürfnisse, aber nicht für jedermanns Gier.“ Wenn die Steuerzahler jedes Jahr allein über 60 Mrd. Euro an Zinsen (Bund, Länder, Kommunen) direkt und indirekt ca. 40 Mrd. (über Gebühren für Abfall, Abwasser, Elektrizität) zahlen müssen, ist klar, dass wir ein Problem haben!

  • Eine ewigwährende Werbesendung

    Rürup prognostiziert die nächsten 40 Jahre. Völlig unseriös. Schaun Sie mal 40 Jahre zurück. Rürup und sein Kompagnon Maschmeyer wollen "Versicherungen", "Rentenpapiere", "Krankenversicherungen" und "Anlageprodukte" verkaufen:

    http://www.youtube.com/watch?v=DTkh9YEmfkM

    Eine ewigwährende Werbesendung vom Maschmeyer hier im HB!

    LG
    Blackstone

  • Das liegt an der hohen Lebenerwartung!
    Die absolute Bevölkerungszahl sinkt erst, wenn die länger Lebenden der großen Alterkohorten anfangen zu sterben.
    Wäre die lebenserwartung noch bei 60 würde die Bevölkerung jetzt schon deutlich schrumpfen, so aber dauert das noch mindestens 20 Jahre, bevor das spürbar wird und sich dann stetig beschleunigt, weil die Sterbequote selbst gege neine konstante Geburtenquote deutlich steigt.

    H.

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