Professor Chiffre
Ein letzter Garant für den Euro

Manchmal ist es notwendig, unkonventionell zu handeln, um Schlimmeres zu verhindern.
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Bei einer Schiffshavarie muss es immer als Erstes darum gehen, möglichst viele Passagiere in die Rettungsboote zu bringen und erst in einer zweiten Phase darum, nach den Ursachen des Unglücks zu fragen, um eine ähnliche Katastrophe in der  Zukunft zu verhindern. Ordnungs-politische Grundsätze sind mit Konstruktionsprinzipien vergleichbar. Für den Bau eines Schiffes sind sie wichtig, im Falle eines drohenden Untergangs helfen sie allerdings nicht, die Passagiere in die Boote zu bringen.

In Sachen Euro-Krise befinden wir uns leider  immer noch in der ersten Phase der akuten Krisenbewältigung. Die Idee, mit den von knapp 250 Mrd. Euro auf eine Billionen Euro hochgehebelten Mitteln des europäischen Rettungsschirms (EFSF) Portugal, Spanien vor allem Italien mit seiner Schuldenquote von 120 Prozent gegen Spekulationswellen abschirmen zu können, beeindruckt die Märkte nur mäßig und veranlasst  keinen potenten Investor beispielsweise aus Fernost, Staatsanleihen südeuropäischer Euroländer  zu kaufen. 

Bis die aktuelle Krise wirklich überwunden und eine dauerhaft stabile  europäische Fiskalunion rechtlich abgesichert ist  - unabhängig  was letztlich mit Griechenland geschieht - werden noch viele Jahre - Frau Merkel sprach von zehn - ins Land gehen, in denen neue Misstrauenswellen gegen einzelne Staaten den Zusammenhalt der Währungsgemeinschaft gefährden können.

Um den Märkten die Gewissheit zu geben, dass  es keinen zweiten „freiwilligen“ Haircut der Gläubiger eines Euro-Landes gibt, führt bis auf weiteres kein Weg  daran vorbei,  entweder dem mit einer Banklizenz versehenen Rettungsschirm oder - ehrlicher - der EZB das Mandat einzuräumen, in unbegrenztem Umfang Anleihen von Euro-Ländern aufzukaufen.

Nur durch so einen letzten Garanten kann sicher verhindert werden, dass aus der Angst vor einem Bankrott eine self-fullfilling prophecy wird. Die Ausübung dieses Mandats bedeutet eine Monetarisierung von Staatsschulden, was – im deutschen Verständnis - eine schwere ordnungspolitische Sünde darstellen würde.

Manchmal ist es allerdings notwendig in einer brandgefährlichen Situation, für die es keine historischen Vorbilder gibt, unkonventionell zu handeln, um Schlimmeres zu verhindern. Zumal wenn man erwarten kann, dass so ein Recht der EZB oder des Rettungsschirms die gewünschte vertrauenstiftende Wirkung haben dürfte, ohne zum Einsatz kommen zu müssen.

Bert Rürup, geboren 1943 in Essen, hat fast 30 Jahr lang die Bundesregierung beraten und war unter anderem Chef der Wirtschaftsweisen. Mit Carsten Maschmeyer hat er das Beratungsunternehmen MaschmeyerRürup gegründet.

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  • Großer Unfug!

  • Wer die Finanzierung von Staaten durch die Zentralbank fordert, ruft öffentlich zum Rechtsbruch auf und stellt die „Rettung“ des Euro über das Gesetz. Darüber hinaus nimmt er eine dramatische Geldentwertung in Kauf.
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    Rürup, sind Sie ein Rechtsbrecher, wenn Sie den massiven Aufkauf von Staatsanleihen durch die EZB einfordern?

  • Das Beispiel hinkt insofern, daß es hier nicht um Menschenleben in akuter Not geht, sondern um in absehbare Not geratene Schuldner, die dazu noch vorher getäuscht haben.

    Wie würde Herr Rürup reagieren, wenn ein Geschäftspartner zum wiederholten! Male zu ihm käme und sagte: "Hörmal, bitte leihe mir heute noch 2 Millionen Euro, auch wenn es an Deine Existenz geht. Ich muß unverzüglich Schulden abzahlen, sonst bin ich pleite und werde wegen Insolvenzbetrug verklagt, weil ich geschummelt habe."
    Würde er dann auch sofort "retten" und erst hinterher in aller Ruhe die Ursachen bekämpfen?

    Es ist unser Geld und unsere Existenz! Er hat die Beamtenpension durch und kann in aller Ruhe zuschauen, wie wir uns bei der Schuldentilgung abplagen. Er wird uns dann noch Ratschläge geben, wie z.B.: "Deutschland ist überschuldet. Ihr seid selbst verantwortlich für Euch, also spart mal schön für die Rente."

    "...hat fast 30 Jahr lang die Bundesregierung beraten und war unter anderem Chef der Wirtschaftsweisen..."
    Was bildet sich der angebliche Finanzfachmann ein?
    Er hat bei der Finanzkrise versagt, wie fast alle anderen "Finanzfachleute" auch. Oder habt Ihr ihn warnen gehört, vor Jahren, als die Blasen ihren Anfang nahmen? Als geraunt wurde, daß die Griechen geschummelt haben? Konnte jeder wissen, der eine überregionale Zeitung liest.

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