Professor Chiffre
Mindestlohn: Fakten statt Meinungsstärke

Die Einführung eines Mindestlohns kann schaden, wenn dieser zu hoch angesetzt wird. Er kann sogar das Risiko der Armutsgefährdung erhöhen. Es gibt aber durchaus Mindestlöhne, die Arbeitnehmern ohne Negativeffekt helfen.
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Zwischen den Regierungsparteien ist - wieder einmal - Streit ausgebrochen. Dieses Mal über die Einführung von Mindestlöhnen. Die Union hat sich in den Worten von Ursula von der Leyen auf ein „bestechendes Modell“ verständigt, was aber in Tat und Wirklichkeit nur zu einem ein höchst grobmaschigen Netz von verbindlichen Lohnuntergrenzen führen würde.

Zu loben ist allerdings die Politikferne des Gremiums, das diese Grenzen  festlegen soll. Die FDP lehnt diesen Vorstoß - kategorisch wie reflexartig - ab und wird dabei - kategorisch wie reflexartig - vom Chef der Wirtschaftsweisen mit der Behauptung unterstützt, dass die Einführung selbst moderater Lohnuntergrenzen mehrere hunderttausend Jobs vernichten könnten. Wolfgang Franz dürfte damit für viele deutsche Ökonomen sprechen. Glaubenstreue und Meinungsstärke sind das eine, empirische Befunde das andere.

Mindestlöhne oder allgemein verbindliche Tariflöhne sind im internationalen Vergleich die Regel. Zusammen mit der Schweiz nimmt Deutschland innerhalb  der OECD-Länder, also der Gruppe der entwickelten Volkswirtschaften, inzwischen eine Ausnahmestellung ein. Fakt ist zudem, dass – im Gegensatz zu den in Deutschland beliebten Simulationsrechnungen auf der Basis orthodoxer neoklassischer Arbeitsmarktmodelle - die vorliegenden empirischen Untersuchungen zu den ökonomischen Wirkungen von etablierten Mindestlöhnen alles andere als klare negative Antworten geben.

Natürlich gibt es - wie den SMIC in Frankreich - zu hohe und damit beschäftigungsfeindliche Regelungen. Es gibt aber auch Mindestlöhne - wie z.B. in vielen Staaten der USA oder in Großbritannien -, die den Betroffenen helfen, ohne negative Beschäftigungseffekte zu haben. Ja, es gibt sogar Beispiele dafür - so der 1996 eingeführte Mindestlohn in der westdeutschen Bauwirtschaft -, dass Lohnuntergrenzen mit positiven Beschäftigungseffekten verbunden sein können. Und die OECD, ein unverdächtiger Zeuge, weist seit langem darauf hin, dass ein klug gesetzter Mindestlohn eine sinnvolle Ergänzung von Kombilohnmodellen, wie es das Arbeitslosengeld II ist, darstellt. Denn damit könnte verhindert werden, dass sich die Arbeitgeber durch ihre Marktmacht Teile der staatlichen Unterstützungszahlungen aneignen können, die eigentlich für die Arbeitnehmer gedacht sind.

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Wie ein falsch geknöpfter Mantel

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  • Warum hat es zu D-Mark Zeiten wunderbar mit der Lohnfindung funktioniert?!
    Alle die ich kenne, waren damals zufrieden.
    Heute unter der Eurowährung höre ich nur noch Klagen.
    Was ist schiefgelaufen in den letzten 10 Jahren?
    Geiz ist geil und ich bin doch nicht blöd.

  • deutschland ist zwischenzeitlich das soziale und politische weltgewissen und hat Amerika, die Niederlande und Schweden übertroffen:
    alle welt sieht die arbeitslosenquoten im europa mit mindestlöhnen. aber deren höhe haben natürlich nichts mit den mindestlöhnen zu tun.
    und timotchenko wird auch von deutschland gerettet werden- es geht aber eigentlich generell um menschenrechte und eine unabhängige justiz in der ukraine.
    gott sei dank wissen wir jetzt, dass es politisch korrekt ist, wenn alle politiker wie gewünscht auf den ehrentribünen sitzen , gekleidet mit t-shirts mit der aufschrift " freiheit für timotchenko"

  • Speziell von der Aufstockung profitieren aber weniger die Arbeitnehmer als dei Arbeitgeber. Kein Mensch würde für 3,50€ arbeiten, die mancher AG zahlt. Speziell im Anschlußgebiet ist es Gang und gebe, nicht mehr zu zahlen, und die Arbeitnehmer zum Amt zu schicken, sich dort Aufstockung zu holen. Andernfalls müßte der Arbeitgeber zumindeset leicht über H4-Niveau bezahlen, und schluß wäre es mit Q7, Ferienhaus auf Malle und 10x Urlaub im Jahr!

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