Professor Chiffre

Mindestlohn: Fakten statt Meinungsstärke

Die Einführung eines Mindestlohns kann schaden, wenn dieser zu hoch angesetzt wird. Er kann sogar das Risiko der Armutsgefährdung erhöhen. Es gibt aber durchaus Mindestlöhne, die Arbeitnehmern ohne Negativeffekt helfen.
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Bert Rürup – Prof. Chiffre. Bert Rürup hat fast 30 Jahre lang die Bundesregierung beraten

Bert Rürup – Prof. Chiffre. Bert Rürup hat fast 30 Jahre lang die Bundesregierung beraten

Zwischen den Regierungsparteien ist - wieder einmal - Streit ausgebrochen. Dieses Mal über die Einführung von Mindestlöhnen. Die Union hat sich in den Worten von Ursula von der Leyen auf ein „bestechendes Modell“ verständigt, was aber in Tat und Wirklichkeit nur zu einem ein höchst grobmaschigen Netz von verbindlichen Lohnuntergrenzen führen würde.

Zu loben ist allerdings die Politikferne des Gremiums, das diese Grenzen  festlegen soll. Die FDP lehnt diesen Vorstoß - kategorisch wie reflexartig - ab und wird dabei - kategorisch wie reflexartig - vom Chef der Wirtschaftsweisen mit der Behauptung unterstützt, dass die Einführung selbst moderater Lohnuntergrenzen mehrere hunderttausend Jobs vernichten könnten. Wolfgang Franz dürfte damit für viele deutsche Ökonomen sprechen. Glaubenstreue und Meinungsstärke sind das eine, empirische Befunde das andere.

Mindestlöhne oder allgemein verbindliche Tariflöhne sind im internationalen Vergleich die Regel. Zusammen mit der Schweiz nimmt Deutschland innerhalb  der OECD-Länder, also der Gruppe der entwickelten Volkswirtschaften, inzwischen eine Ausnahmestellung ein. Fakt ist zudem, dass – im Gegensatz zu den in Deutschland beliebten Simulationsrechnungen auf der Basis orthodoxer neoklassischer Arbeitsmarktmodelle - die vorliegenden empirischen Untersuchungen zu den ökonomischen Wirkungen von etablierten Mindestlöhnen alles andere als klare negative Antworten geben.

Natürlich gibt es - wie den SMIC in Frankreich - zu hohe und damit beschäftigungsfeindliche Regelungen. Es gibt aber auch Mindestlöhne - wie z.B. in vielen Staaten der USA oder in Großbritannien -, die den Betroffenen helfen, ohne negative Beschäftigungseffekte zu haben. Ja, es gibt sogar Beispiele dafür - so der 1996 eingeführte Mindestlohn in der westdeutschen Bauwirtschaft -, dass Lohnuntergrenzen mit positiven Beschäftigungseffekten verbunden sein können. Und die OECD, ein unverdächtiger Zeuge, weist seit langem darauf hin, dass ein klug gesetzter Mindestlohn eine sinnvolle Ergänzung von Kombilohnmodellen, wie es das Arbeitslosengeld II ist, darstellt. Denn damit könnte verhindert werden, dass sich die Arbeitgeber durch ihre Marktmacht Teile der staatlichen Unterstützungszahlungen aneignen können, die eigentlich für die Arbeitnehmer gedacht sind.

Wie ein falsch geknöpfter Mantel
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15 Kommentare zu "Professor Chiffre: Mindestlohn: Fakten statt Meinungsstärke"

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  • Warum hat es zu D-Mark Zeiten wunderbar mit der Lohnfindung funktioniert?!
    Alle die ich kenne, waren damals zufrieden.
    Heute unter der Eurowährung höre ich nur noch Klagen.
    Was ist schiefgelaufen in den letzten 10 Jahren?
    Geiz ist geil und ich bin doch nicht blöd.

  • deutschland ist zwischenzeitlich das soziale und politische weltgewissen und hat Amerika, die Niederlande und Schweden übertroffen:
    alle welt sieht die arbeitslosenquoten im europa mit mindestlöhnen. aber deren höhe haben natürlich nichts mit den mindestlöhnen zu tun.
    und timotchenko wird auch von deutschland gerettet werden- es geht aber eigentlich generell um menschenrechte und eine unabhängige justiz in der ukraine.
    gott sei dank wissen wir jetzt, dass es politisch korrekt ist, wenn alle politiker wie gewünscht auf den ehrentribünen sitzen , gekleidet mit t-shirts mit der aufschrift " freiheit für timotchenko"

  • Speziell von der Aufstockung profitieren aber weniger die Arbeitnehmer als dei Arbeitgeber. Kein Mensch würde für 3,50€ arbeiten, die mancher AG zahlt. Speziell im Anschlußgebiet ist es Gang und gebe, nicht mehr zu zahlen, und die Arbeitnehmer zum Amt zu schicken, sich dort Aufstockung zu holen. Andernfalls müßte der Arbeitgeber zumindeset leicht über H4-Niveau bezahlen, und schluß wäre es mit Q7, Ferienhaus auf Malle und 10x Urlaub im Jahr!

  • Selbstverständlich ist auch ein Lohn 3,50 Euro die Stunde freiwillig. Freiheit ist die Abwesenheit von willkürlichem Zwang anderer, aber nicht die Abwesenheit von Notwendigkeit. (An wen wendet sich denn ein selbstständiger Würstchenbudenbetreiber, wenn er keine 3,50€ verdient? Zerrt er die Passanten an seinen Stand, weil sie ihm den nötigen Umsatz verweigern?)

    Die Mittel für Harz IV werden übrigens aus zwangsweise eingetriebenen Steuern bezahlt. Somit ist klar, wer hier wen zwingt ...

  • Ein klassisches Beispiel ist Otto. Während das Vermögen dieses Herren im Jahr bis zu 4Mrd Euro steigt, molochen die Fahrer von Hermes als Scheinselbständige 60Std die Woche (und mehr) für oft unter 1000€. Davon geht noch die Krankenversicherung ab, die können sich aber die wenigsten leisten.
    Glaubt irgendjemand hier, daß man diese Jobs ins Ausland verlagern kann? Richtig geht nicht, die Kunden wohnen in Deutschland. Es geht also nur darum diesen Milliardär noch reicher zu machen. Ebenso verhält es sich mit Aldi-Verkäufern. Auch diese Arbeitsplätze sind ortsgebunden.

    Es geht bei der ganzen Diskussion NUR um die Sicherung der Gewinnziele der Konzerne.

  • IdR. sind die Arbeitgeber der stärkere Vertragspartner und diktieren die Vertragsbedingungen, da ist es solange wir uns vorgenaommen haben in einer sozialen Marktwirtschaft leben zu wollen (noch ist es das offiziell erklärte Model) Pficht des Staates einzugreifen und den schwächeren zu schützen. Das die Produktivität passen muss, stimmt, ist aber nicht allein vom Lohn abhängig. In vielen Unternehmen fehlt es an Struktur an dem richtigen Werkzeug, an der richtigen Software (häufig nur sharware oder Basisversionen)etc.
    Ferner werden in der BWL Personalkosten in den Kalkulationen berücksichtigt, sich jetzt hinzustellen und zu behaupten ein Mindestlohn würde automatisch zur Unretabilität von Produkten und Dienstleistungen führen ist billiger Populismus. Ein Beispiel, Aldi, Discountpreise, niedrige Löhne und ein Mrd. schweres Privatvermögen der Inhaber, erwachsen aus Gewinnausschüttungen. Da ist durchaus Raum für gerechte Löhne, Anstatt, Sitte, Moral, Solidarität soll immer für diejenigen gelten die keine Millionen verdienen.

  • Ist der Mindestlohn zu hoch werden Arbeitsplaetze in billig Laender verlegt, ist klar. Ist er zu niedrig dann muessen Steuerzahler diese Arbeiter subventionieren, das heisst der Steuerzahler muss den Sklavenhalter subventionieren damit er einen so niedrigen Lohn, der unter dem Existenzminimum liegt, ueberhaupt erst zahlen kann.
    So "freiwillig" wie einige hier denken werden diese Vertraege eben nicht geschlossen. Entweder Sie nehmen diese Stelle an oder wir kuerzzen HartzIV. Viel Spass beim Spargelstechen fuer 3,50 Euro die Stunde.

  • Mecklenburg-Vorpommern 76 Prozent der Vollzeit-Beschäftigten unter 25 Jahre arbeiten für Niedriglöhne. Insgesamt geht im Nordosten knapp jeder Zweite (44,5 Prozent) täglich zur Arbeit, bleibt aber trotzdem unter der offiziellen Niedriglohnschwelle. Damit hat MV den höchsten Anteil von schlecht bezahlten Arbeitnehmern in ganz Deutschland.
    Quelle der Zahlen : Bundesagentur für Arbeit

    Spitzenpreise in der Hotellerie auf Rügen stehen Minilöhnen der dort beschäftigten gegenüber. Gleichzeitig jammern Arbeitgeber über "Fachkräftemangel"! Es sollte "Sklavenmangel" heissen!

  • Schon wirkliche Klasse, was der Herr Professor hier schreibt! Im Bauhauptgewerbe hatten die Lohnuntergrenze für -578.000 Beschäftigte positive Wirkungen. Die Zahlen sind zwar vom Hauptverband der Deutschen Bauindustrie, aber so unheimlich falsch können die nicht sein!!! Man muss einfach nur eine Behauptung in den Raum stellen, kein Mensch kontrolliert die Zahlen, gell Herr Professor!

  • Die Verträge sind nicht freiwillig geschlossen. Viele werden vom Arbeitsschikane amt dazu gezwungen, sittenwidrige Verträge zu schließen.

    Man müßte die Sklavenarbeit wieder auf 3Monate begrenzen und jegliche Zuzahlung für beschäftigte Arbeitnehmer verbieten.

    Durch Aufstockung wird nicht die Arbeit, sondern der Arbeitgeber subventioniert!

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