Professor Chiffre
Schönheits- und Architektenfehler

Vor einer Dekade ist die Riester-Reform in Kraft getreten. Ein guter Zeitpunkt für eine ehrliche Bilanz. Das wohl größte Manko: Der fehlende Mut der rot-grünen Vorsorgepolitik.
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Die vor 10 Jahren in Kraft getretene "Riester-Reform" bestand aus zwei Gesetzen, dem "Altersvermögensergänzungsgesetz" und dem "Altersvermögensgesetz". Das Altersvermögensergänzungsgesetz mit der Riester-Treppe, der achtmaligen Kürzung von Rentenerhöhungen um etwa 0,6 v.H., steht in der Tradition der Rentenreformgesetze der vergangenen 30 Jahre, die sämtlich auf eine Dämpfung des Beitragssatzanstiegs abzielten - durch das Streichen von Leistungen, die nicht das Rentenniveau absenken (z.B. Anrechnungszeiten für Ausbildung), durch höhere Bundeszuschüsse und seit der Reform 1992 auch durch niedrigere jährliche Anpassungen. Dieses Gesetz, ebenso wie der 2005 in die Rentenanpassungsformel eingeführte "Nachhaltigkeitsfaktor" wären aber entbehrlich gewesen, wenn die erste rot-grüne Bundesregierung (1998 - 2002) nicht den von Norbert Blüm eingeführten "Demografischen Faktor", die hälftige Verteilung der Kosten der steigenden Rentenbezugszeiten auf Beitragszahler und Rentner, zunächst ausgesetzt und dann abgeschafft hätte.

Nach Berechnungen der Deutschen Rentenversicherung sollen die Riester-Treppe  und der Nachhaltigkeitsfaktor  bis zum Jahr 2030 das Rentenniveau um gut 16 v.H. senken. Wenn man unter den gleichen Annahmen die Wirkungen ermittelt, die der Demografische Faktor hätte haben können, stellt man fest, dass damit praktisch die gleiche Dämpfung des Beitragssatzanstiegs hätte erreicht werden können. Gerhard Schröder hatte recht, als er 2001 zugab, dass die Rücknahme dieses Blüm-Faktors ein Fehler war; denn die Riester-Treppe war nichts anderes als ein schwächerer Ersatz des Demografischen Faktors.

Mit dem Altersvermögensgesetz sollte ein staatlich subventioniertes flächendeckendes System einer privaten/betrieblichen Vorsorge etabliert werden, zur Kompensation der Rücknahmen bei der umlagefinanzierten gesetzlichen Rente. Diese Idee war überfällig und bleibt trotz Finanzkrise und Staatsschuldenkrise richtig. Denn die verstärkte Beimischung kapitalgedeckter Elemente erlaubt es - anders als im Umlageverfahren  inländische Renten durch im Ausland erzeugte Wertschöpfung zu finanzieren. Und in der langen Frist ist davon auszugehen - auch wenn viele der anonymen Rentenexperten der Netzgemeinde dies bezweifeln werden – dass in der langen Frist der Kapitalmarktzins, die Rendite kapitalgedeckter Renten, nicht niedriger, sondern höher ist als das Wirtschaftswachstum oder das Lohnwachstum, die Rendite eines umlagefinanzierten Systems. Wäre dies nicht der Fall, lebte man in "paradiesischen Zuständen"; man könnte immer mehr konsumieren als produzieren, ohne dass die eigene Schuldenstandsquote anstiege.

Die Bezeichnung "Altersvermögensergänzungsgesetz" erleichterte es den Gegnern dieses Reformpakets zu kolportieren, dass durch die kapitalgedeckten Riester-Renten, dem staatlichen Rentensystem Geld entzogen wurde. Dieser Vorwurf ist süffig aber falsch. Denn weder die Höhe des beitragspflichtigen Einkommens noch die der Bundeszuschüsse werden davon berührt wie viele private Riester-Renten abgeschlossen werden.

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Kommentare zu " Professor Chiffre: Schönheits- und Architektenfehler"

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  • Auch das beliebte Argument von Prof. Chiffre, dass nur bei der Kapitaldeckung „inländische Renten durch im Ausland erzeugte Wertschöpfung“ zum Tragen kommt, läuft in die Irre, denn bei einem exportorientierten Land ist hiervon auch die staatliche Rente betroffen. Schließlich wird die Lohnsumme (auch während der Ansparphase) hierdurch beeinflusst. Für die Rentenphase gilt das Mackenroth-Theorem.

  • Prof. Chiffre, Ihre Kernthese für eine kapitalgedeckte Rente, die besagt, dass auf lange Sicht deren Rendite höher als die eines umlagefinanzierten Systems ist, mag unter Umständen stimmen, besagt aber gar nichts. Denn nicht die Rendite ist entscheidend, sondern die Rentenhöhe. Und diese hängt einmal von den Kostenstrukturen (beider Systeme) und -viel wichtiger- deren Ausgangslagen ab. Ein Beispiel soll es verdeutlichen:
    Ein heute 30Jähriger hat -mit heutiger Rentenformel gerechnet- bei 30.000 € Bruttogehalt im 67. Lj etwa 1.000 € Rente(West) (Riestertreppe berücksichtigt) und zusätzlich eine garantierte RiesterRente von 227 € (bei einem sehr großen Anbieter). Würde er bei gleichen Bedingungen die RiesterRenten-Einzahlungen an die DR (Deutsche Rentenversicherung) zahlen, hätte er einen Anspruch auf eine Gesamtrente von 1.240 €, also etwas mehr. Und nun kommt der Hammer: Dabei bräuchte sich der (aktuelle) Rentenwert in den nächsten 37 Jahren (!) nicht mal erhöhen – und das ist definitiv unmöglich. Bei der RiesterRente mit prognostiziertem Gewinn bräuchte die staatliche Rentensteigerung nur 0,5% pro Jahr betragen.
    Geht man nun davon aus, dass die staatliche Rentenerhöhungen sich in etwa an den jährlichen Preissteigerungsraten (Inflationsrate) orientieren, dann sieht die RiesterRente sehr alt aus.

    Lieber Chiffre, es kommt nicht auf die Kapitalrendite an, sondern auf die Ausgangslage und Kostenstrukturen, wobei diese bei der gesetzlichen Rente allemal viel besser sind.

    Wenn Sie von „paradiesischen Zuständen“ sprechen, dann bezieht sich dies ausschließlich auf die Anbieter der RiesterRente.

  • ........................und werde nach dem aktuellen Stand der Dinge 639 EUR im Monat ab 67 ausgezahlt bekommen. Da kann sich jeder ausrechnen, dass man selbst sparen muss.

    Mit 639 Euro werden sie Grundsicherung bekommen und Ihre Sparleistung mit den gesetzlichen Ansprüchen verrechnet werden.

    Sie bekommen also in etwa 639 trotz Sparleistung.

    Da kann sich jeder ausrechnen, dass man selbst sparen muss ?

    Das kann man sich sparen , oder nicht?

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