Professor Chiffre
Schreckgespenst Inflation

Warum ein Inflationsschub als Folge der Antikrisenmaßnahmen bis auf Weiteres nicht zu erwarten ist.
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Bei vielen Amerikanern haben sich die verheerenden Folgen der großen Depression der 1930er-Jahre in ein kollektives Gedächtnis eingeprägt. Daraus erklären sich die ausgeprägte Angst vor Arbeitslosigkeit und Rezession sowie die geringen Skrupel gegenüber einer Politik des leichten Geldes.

Durch die Hyperinflation der frühen 1920er-Jahre wurde in Deutschland die Vermögensordnung zertrümmert. Seitdem kommen viele Deutsche mit einem Antiinflationsgen zur Welt und vermuten unter fast jedem Kieselstein eine Inflation.

Für viele Zeitgenossen – einschließlich Wirtschaftsredakteuren wie Fachökonomen – ist es deshalb klar, dass den Liquiditätsinjektionen in das Bankensystem, dem Ankauf von toxischen Wertpapieren, den kreditfinanzierten Konjunkturprogrammen zur Bewältigung der globalen Finanzkrise 2008/2009 und nicht zuletzt dem Aufkauf von Anleihen europäischer Staaten durch die EZB zur Bekämpfung der europäischen Staatsschuldenkrise bald kräftige Preiserhöhungen folgen werden.

Richtig ist, wie zahlreiche Studien zeigen, dass einer starken Ausdehnung der Geldmenge oft eine Inflation folgt. Nur, durch diese Maßnahmen wurde bislang die Geldmenge kaum erhöht, sondern die Geldbasis, das heißt das umlaufende Bargeld und die von den Geschäftsbanken bei der EZB gehaltenen Reserven. Entscheidend für die auf den Märkten kaufkräftige Nachfrage und damit eine Inflation ist aber nicht die Geldbasis sondern die Geldmenge, das heißt die Geldbasis  plus Sichteinlagen und  geldnahe Termineinlagen der Unternehmen und Haushalte bei den Banken.

Das Wachstum dieser inflationsrelevanten Geldmenge ist von mehr als zwölf Prozent in 2007 auf minus 0,4 Prozent zu Beginn 2010 zurück gegangen und liegt derzeit bei unauffälligen drei Prozent. Gegenwärtig liegt die Teuerungsrate als Folge der noch immer hohen Energiepreise bei etwa drei Prozent.

Angesichts der sich abzeichnenden spürbaren Abkühlung im Euroraum – verstärkt durch die Konsolidierungsbemühungen vieler Staaten – wird sie im Laufe des nächsten Jahres unter zwei Prozent sinken. Ein Inflationsschub als Folge der Antikrisenmaßnahmen der Staaten ist bis auf Weiteres nicht zu erwarten. Wohl aber könnte es sein, dass nicht zuletzt als Folge des anhaltenden wirtschaftlichen Take Off der Schwellenländer in der längeren Frist die Industriestaaten – via steigende Rohstoffpreise – mit einem importierten Inflationsdruck konfrontiert werden, einem geldpolitisch viel ekligeren Problem, welches aber nichts mit einer überhöhten Staatsverschuldung zu tun hat.

Bert Rürup, geboren 1943 in Essen, hat fast 30 Jahr lang die Bundesregierung beraten und war unter anderem Chef der Wirtschaftsweisen. Mit Carsten Maschmeyer hat er das Beratungsunternehmen MaschmeyerRürup gegründet.

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  • Die Südländer des Euro-Reiches sind doch nicht wegen "kultureller Unterschiede" so hoch verschuldet, sondern wegen absolut mangelafter Haushaltsführung. Und diese sollte logische Konsequenzen haben, - strengere Konsequenzen wie im exMaastrich-Abkommen.

  • was für ein haarstäubendr Unsinn.

  • 1. Nicht umsonst ist in Ostdeutschland bei Einführung der DM nahezu die gesamte Industrie untergegangen, während z.B. Tschechien unter dem Schutz des Wechselkurses sich aus eigener Kraft entwickeln konnte.
    2. Und wie bitte haben wir in Deutschland unsere kléine Währungsunion zusammengehalten? Durch eine gigantische Transferunion namens Länderfinanzausgleich!
    3. Entweder ich alimentiere die Schwachen, oder ich lasse sie untergehen oder ich gebe ihnen eine eigene Währung. Das EWS hat diese Unterschiede wunderbar abgepuffert, der Euro ist bereits nach 10 jahren am Ende.

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