Professor Chiffre
Staatsverschuldung: Wer bietet mehr?

Unsere offiziell ausgewiesenen, expliziten, Staatsschulden - zwei Billionen oder gut 80 Prozent des Sozialprodukts – sind nur die Spitze des Eisbergs.
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Würde man die impliziten Schulden, die in den Sozialsystemen verborgen sind, hinzurechnen, läge das wirkliche Ausmaß  bei einem Mehrfachen des Sozialprodukts – einem echten Horrorszenario, wie es die Dramatiker unter den Politikern sagen und es die Schwarzmaler unter den Journalisten aufschreiben.

Zu Recht? Nun, die expliziten Verbindlichkeiten wurden in der Vergangenheit aufgenommen. Sie liegen fest, was ihre Höhe angeht, und stellen privatrechtlich geschützte Ansprüche der Gläubiger dar. Die impliziten Schulden hingegen entstehen aus zukünftigen  Ansprüchen, die nicht mit dem geltenden Recht finanziert werden können. Zur Bestimmung der aktuellen Höhe des Barwerts dieser erst entstehenden Verpflichtungen müssen Annahmen etwa über das Wirtschaftswachstum oder auch den Zins gesetzt werden.

Wie hoch die impliziten Schulden ausfallen, entscheidet daher  im Grunde der, der die  Analyse macht. Da es deshalb anders als  bei den expliziten Schulden  die „eine wahre“ implizite Staatsverschuldung nicht  gibt, verbietet die intellektuelle Redlichkeit die Addition beider Schulden zu einer Summe. Es sei denn, man möchte dramatisieren – aus welchen Gründen auch immer.

Bert Rürup, geboren 1943 in Essen, hat fast 30 Jahr lang die Bundesregierung beraten und war unter anderem Chef der Wirtschaftsweisen. Mit Carsten Maschmeyer hat er das Beratungsunternehmen MaschmeyerRürup gegründet.

Kommentare zu " Professor Chiffre: Staatsverschuldung: Wer bietet mehr?"

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  • Für mich klingt das mehr nach intellektueller rosaroter Brille....aus diesem Blickwinkel würde ich Ihnen ein Investment in griechische Staatsanleihen empefhlen bessere Renditen bekommen Sie zur Zeit nirgends

  • Sehr geehrter Herr Prof. Rürup,

    selbstverständlich beeinflussen die Annahmen (Bevölkerung, Zins, Wachstum) die Höhe der impliziten Staatsschuld stark. Entsprechend ist die Plausibilität der Annahmen entscheidend für die Aussagekraft der berechneten impliziten Staatsschuld. Bei seriösen Berechnungen bleibt aber nur ein begrenzter Spielraum für die Variation von Annahmen, den Sie als Gebot dafür verstehen, implizite Schulden der expliziten Schuld besser nicht gegenüber oder aufeinander zu stellen. Ihr letzter Satz ist dabei verwirrend: "Es sei denn, man möchte dramatisieren - aus welchen Gründen auch immer." Wörtlich genommen bedeutet dies, dass es nur dann intellektuell redlich ist, die implizite und explizite Schulden zu vergleichen, wenn die Absicht besteht, den Schuldenstand zu dramatisieren. Das wollten Sie aber sicher nicht aussagen, sonst hätten Sie den Artikel wohl erst gar nicht verfasst.
    Vielmehr erscheint der Schluss als Kritik an allen, die mit impliziten Schulden über demografische Eisberge und den bestehenden Reformbedarf sprechen. Sieht man einmal davon ab, dass diejenigen, die davon (zurecht) sprechen und jene, die die impliziten Schulden berechnen, in der Regel nicht identisch sind, ist ihre Schlussfolgerung auch deshalb fragwürdig, weil es doch sehr unwahrscheinlich ist, dass es bei dem gegenwärtigen Stand der impliziten Schulden (wohl um die 200 Prozent des BIP) irgendjemand gibt, der es nötig hätte, diese Zahlen durch unplausible Annahmen noch aufzublasen. Im Gegenteil, häufig rechnet man doch eher am optimistischen Rand.
    Ihr finaler Zusatz, "aus welchen Gründen auch immer", ist ebenfalls doppeldeutig. Wörtlich sagen Sie, dass es Ihnen gleich sei, welche Gründe zur Übertreibung bestehen. Diese fünf Wörter offenbaren jedoch das eigentliche Motiv des Artikels. Hier schwingt eine tiefere, etwas ironische Aussage mit, die mit der Phantasie des Lesers spielt. Das Motiv der Dramaturgie zählt nämlich sehr wohl. Mfg.

  • Die implizite Staatsverschuldung besteht zum Großteil aus Beamtenpensionen, diese sind sehr verläßlich ermittelbar, etwa nach den Heubeck'schen Sterbetabellen, diese werden in der Regel bei Schätzungen der impliziten Staatsverschuldung auch zugrunde gelegt. Aufgrund der steigenden Lebenserwartung werden die Rentenbarwerte nach dieser Methodik zu niedrig ausgewiesen. Die Ausblendung der impliziten Staatsverschuldung ist der Kameralistik geschuldet, wäre die BRD eine GmbH mit doppelter Buchführung, müsste die implizite Staatsverschuldung in Höhe von ca. 330% ausgewiesen werden. Man sollte nicht darüber diskutieren, ob die Gesamtverschuldung bei €8.000.000.000.000 oder €9.000.000.000.000 liegt, sondern das Ausmaß der tatsächlichen Verschuldung ins öffentliche Bewusstsein bringen und auch die Schuldenbremse nach Maßstäben der doppelten Buchführung gestalten. Dass die Pensionsvorteile bei Angestellten des öffentlichen Dienstes geschliffen werden müssen, ist ebenso wichtig wie politisch schwierig, lässt sich aber nicht vermeiden wenn die vielfach proklamierte Generationengerechtigkeit nicht zur leeren Phrase verkommen soll.

    DWL33

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