Professor Chiffre
Totgesagte leben lange

Viele Ökonomen haben den Euro bereits für tot erklärt und das Auseinanderbrechen der Euro-Zone prophezeit. Doch die südeuropäischen Defizitsünder erholen sich besser als gedacht – und mit ihnen der Euro.
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Für zahlreiche angelsächsische Ökonomen wie auch den Finanzwissenschaftler Stefan Homburg war und ist der Euro  eine dem sicheren Tode geweihte Frühgeburt; denn ihrer Ansicht nach fehlen alle wichtigen wirtschaftlichen und politischen Voraussetzungen für eine funktionierende Währungsunion.

Einige Kommentatoren des Geschehens auf den Finanzmärkten, wie der Historiker Arnulf Baring ziehen daraus den Schluss, dass die einzige sinnvolle Lösung der Eurokrise in einem Austritt Deutschlands aus der Währungsgemeinschaft besteht. Für eine wachsende Zahl von Journalisten, Analytikern und Politikern ist zumindest ein Ausscheiden Griechenlands aus der Gemeinschaftswährung unvermeidbar, zumal wenn der deutsche Bundeswirtschaftsminister glaubt zu wissen und verkünden zu müssen, dass ein „Grexit“ seinen Schrecken verloren habe.

Zudem ist die Ansicht verbreitet, dass die von der deutschen Bundesregierung propagierten und gegen heftigen Widerstand – zumindest in Teilen – durchgesetzte mit Strukturreformen flankierte Austeritätspolitik im Interesse solider Staatsfinanzen und zum Abbau der großen Unterschiede in der Wettbewerbsfähigkeit gescheitert ist.

Griechenland sei daher nicht das einzige Land, welches wegen einer anhaltenden Depression als Folge dieser falschen und erfolglosen Politik den Euro sehr bald aufgeben müsse Als Beleg für das Scheitern und die Sinnlosigkeit der bisherigen Politik und als Indiz für ein baldiges Auseinanderbrechen der Eurozone und damit den Tod dieser Gemeinschaftswährung wird regelmäßig auf die – trotz Sparbemühungen - unverändert hohen Budgetdefizite der südeuropäischen Krisenstaaten hingewiesen.

In Tat und Wirklichkeit haben sich aber sowohl die haushaltswirtschaftliche Lage wie die Wettbewerbsfähigkeit aller fünf europäischen Problemstaaten in den vergangenen dreißig Monaten merklich verbessert – was aber offensichtlich noch nicht von potenziellen Anlegern wie den Ratingagenturen als ausreichend angesehen wird, um das verloren gegangenes Vertrauen wieder zurückzugewinnen.

Als Student der Volkswirtschaftslehre lernt man bereits im Grundstudium, dass zur Beurteilung der haushaltswirtschaftlichen Lage und damit etwaiger Konsolidierungserfordernisse nicht die tatsächliche Defizitquote, sondern die strukturelle oder konjunkturbereinigte  Quote entscheidend ist. Bei jedem wirtschaftlichen Abschwung entsteht immer eine konjunkturelle Defizitquote einerseits durch konjunkturbedingte Mindereinnahmen sowie Mehrausgaben und andererseits durch den Rückgang des Bruttoinlandsprodukts.

Kommentare zu " Professor Chiffre: Totgesagte leben lange"

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  • Alexander_Petrs
    Sie haben die Aussage von Bismarck nicht verstanden.
    Und Bismarck hat auch keinen europ. Nationalsstaat geschaffen, sondern Bismarck hat Deutschland geeint.
    Sie verwechseln da gewaltig was.
    Was Sie aber wohl wollen, ist ein großer europ. Nationalstaat, wie ihn unsre Sozialisten ja anstreben.
    Denken Sie dran, Europa ist kein Staat, sondern ein Kontinent mit vielen unterschiedlichen Ländern, verschiedenen Sprachen usw. Wie wollen Sie diese zusammenfügen? Welche Sprache soll gelten?
    Der große europ. Staat der Ihnen vorschwebt, kann nur als Diktatur funktionieren.
    Wir ahben es auf dem Balkan erlebt, wie es ausgeht, wenn man verschiedene Ethnien zusammenwürfelt. Dies funktionierte so lange, wie Tito das Land mit harter Hand regeirt hatte, kaum war dies vorbei, brachen die alten Animositäten auf.
    Lesen Sie Ihr Geschichtsbuch noch einmal gründlich

  • Nochmal, niemand will ein politisch geeintes Europa zum heutigen Zeitpunkt. Da nützt es auch nichts, wie besessen auf die Foristen einzuschlagen die lediglich ein Ende des Euro-Währungsdesasters anmahnen. Gehen Sie doch zu den Regierungschefs nach Frankreich, Südeuropa oder England und fragen diese warum keine politische Union möglich ist, die Helmut Kohl schon vor Jahren angestrebt hat und am Widerstand Frankreichs gescheitert ist. Ach und noch eine Frage: Sie scheinen ein großer Verehrer von Donald Rumsfeld zu sein? Vielleicht auch von Georg W. Bush? Das würde für mich einiges erklären. Einen schönen Tag.

  • Wie ich schon sagte: Wieder tobt der Europa-Hasser-Mob!

    Auf Zahlen geht man ungern ein, dafür pöbelt man andere um so lieber persönlich an: "Goebbels", "ideologiebesoffen", "kann nicht kritisch denken" usw. - Was mich nicht weiter stört, denn Dritte, die das hier lesen, werden sich ihren Reim darauf zu machen wissen.

    Was das böse Ende nach jugoslawisch-sowjetischem Muster betrifft, das laut Leser "Prawda" alle Vielvölkerstaaten notwendig nehmen: Die Schweiz existiert jetzt schon einige Jahrhunderte, ohne daß es meines Wissens zu einem Blutbad gekommen wäre.

    "Utopisch" und allen Lehren der "Geschichtsbücher" zuwider ist in Wahrheit nicht die Forderung nach einem einigen Europa, sondern die Vorstellung ein loser Bund der europäischen Länder könne ein dauerhafter, befriedigender Zustand sein.


    Wenn "Prawda" seiner eigenen Empfehlung folgte und in Geschichtsbüchern nachläse, würde er sehr schnell feststellen, daß ein loser Bund immer nur ein Einladung an andere Mächte ist, sich einzumischen und die Mitglieder auseinander zu dividieren. Diese Erfahrung haben die antiken, griechischen Städtebünde gemacht, deren Zerstrittenheit, makedonischen und römischen Eroberern den Weg bahnte, ebenso wie die Kleinstaaten des handlungsunfähigen, alten deutschen Reichs zur Zeit Ludwig XIV. und Napoleons.

    Und wer nicht versteht, was das mit unserer heutigen Lage zu tun hat, der möge sich an Rumsfelds "neues Europa" der Willigen erinnern oder der soll sich fragen, ob eine solche politische Ohnmacht, wie Europa sie in den Jugoslawienkriegen der 90er erlebte, noch einmal wiederkommen darf: Ist es normal wenn ein Gebiet mit mehr als 300 Millionen Einwohnern sich nicht selbst gegen das kleine Serbien zu helfen weiß und die Amerikaner herbeirufen muß, um dem Gemetzel ein Ende zu machen?

    Wenn Europa nicht lernt, seine eigenen Interessen geschlossen wahrzunehmen, dann wird es im nächsten Jahrhundert böse Überraschungen erleben und sehr schwere Niederlagen erleiden.

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