Professor Chiffre

Warum der Euro doch keine Schnapsidee ist

In einem Gastbeitrag für das Handelsblatt fordert Arnulf Baring den Austritt Deutschlands aus der Währungsunion. Doch der steilen These des Politikwissenschaftlers fehlt eine klare Begründung. Er müsste es besser wissen.
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Bert Rürup – Prof. Chiffre. Bert Rürup hat fast 30 Jahre lang die Bundesregierung beraten

Bert Rürup – Prof. Chiffre. Bert Rürup hat fast 30 Jahre lang die Bundesregierung beraten

Arnulf Baring, ein anerkannter Politikwissenschaftler und Historiker, ist ob seiner Streitbarkeit und Wortgewalt sowie der Berechenbarkeit seiner Position in Talkshows ein gerngesehener Gast. Da der Euro seit einiger Zeit kein Talkshowthema mehr war, griff Baring zur Feder und forderte in einem Gastbeitrag für das Handelsblatt vom 4. Mai unter dem Titel „Der Euro - eine Schnapsidee“ den Austritt Deutschlands aus der Währungsunion.

Er, Baring, habe nie an die Überlebenschancen des Euro geglaubt und immer schon gewusst, dass die Gemeinschaftswährung zu massiven Transferleistungen zwingen und am Ende auf ein gewaltiges Erpressungsmanöver gegenüber Deutschland hinaus laufen würde. Unser Land hätte immer weitergehende Forderungen abzuwehren und müsse deshalb, um einer Überforderung und einem sozialen Niedergang zu begegnen, bald aus der Währungsunion austreten.

Nun, auch einem gelernten Politik- und Geschichtswissenschaftler ist es unbenommen auszublenden, dass der Euro mehr als ein ökonomisches Projekt war und ist. Und natürlich kann man auch die sich abzeichnende markante Verschiebung der weltwirtschaftlichen Gravitationszentren bei der Frage einer europäischen Gemeinschaftswährung als irrelevant erachten. Aber auch wenn man rein nationalökonomisch argumentiert, ist dennoch zu beachten, dass Ökonomie das Denken in Alternativen bedeutet.

Deshalb hätte Baring zur Begründung seiner steilen These als erstes klar machen und zeigen müssen, dass die auf Deutschland zukommenden Verpflichtungen im Rahmen einer dauerhaften Stabilisierung der Währungsgemeinschaft die Vorteile überwiegen, die unsere Exportnation aus dem Euro gezogen hat und ziehen wird. Und wenn diese Nachteile wirklich überwiegen, hätte in einem zweiten Schritt belegt werden müssen, dass im Vergleich dazu eine Rückkehr zur D-Mark auf Dauer gesamtwirtschaftlich vorteilhafter wäre. Auch dies fehlt.

Schließlich und endlich hätte ein Mann von der Erfahrung Arnulf Barings wissen müssen, dass es bei manchen Dingen, die schwer ans Licht der Welt zu bringen sind, unmöglich ist, sie wieder zurückzubringen. Dazu gehören Babys, Champagnerkorken und der Euro. Auch eine „kränkelnde Frühgeburt“ – wie der damalige Kanzlerkandidaten Gerhard Schröder die europäische Gemeinschaftswährung nannte – hat bei entsprechender Pflege das Zeug, ein Kraftprotz zu werden.

Bert Rürup, geboren 1943 in Essen, hat fast 30 Jahr lang die Bundesregierung beraten und war unter anderem Chef der Wirtschaftsweisen. Mit Carsten Maschmeyer hat er das Beratungsunternehmen MaschmeyerRürup gegründet.

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54 Kommentare zu "Professor Chiffre: Warum der Euro doch keine Schnapsidee ist"

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  • Der arrogante pseudowitzige Jargon von Bert Rürup gegenüber Arnulf Baring ist peinlich. Der hat nämlich in seinem Buch "Scheitert Deutschland" 1997 (!!) sämtliche Probleme des Euro prophezeit, mit denen wir uns jetzt herumschlagen. Er hat damals auf die dramatischen Gefahren des wirtschaftlichen und (aufgemerkt, Professor Rürup!) des politischen Projekts hingewiesen. Rürups flockiger Ton ist angesichts der heutigen Situation völlig unangebracht!

  • Umgekehrt: Nur etwa 40 % des deutschen Exports gehen in die Eurozone. Seit Einführung des Euro ist die Tendenz fallend (von 46 auf 40%)

  • Wieso soll der Euro nicht rückzuführen sein? Alles entwickelt sich, auch die Eurozone: Währungsunionen sind bisher immer aufgelöst worden, so auch der Euro. Nur die grauhaarigen Euromantiker leben starr in "einmal Euro - immer Euro", alles andere ist undenkbar. eben im letzten jahrhundert, in das der Euro gehört.

  • Rürupp ist schon seit jahrzehnten der Vassal der Politik.
    Was er in seinem Artikel als wissenschaftliche Grundlage für den Euro in die Diskusion einbringt, hat mit Wissenschaft nichts aber auch gar nichts zu tun. Vielmehr sind es
    die Schubladenpladitüten der Euro befürworter, nicht mehr und nicht weniger.Wenn Rürupp sich hier als Berater der Bundesregierungen hinstellt, darf man sich auch nicht wundern über die Politik und ihren Entscheidungen zum Euro.
    Wieviel Fehlinterpretationen sind noch notwendig um die Kunstwährung Euro dahin zuschicken wo sie hingehört,auf den Müll der Geschichte.Letztendlich wird der Euro sich selbst dahinbefördern.

  • Rürup der Ahnungslose
    "Es sei unmöglich den Euro wieder abzuschaffen"
    sozusagen ein irreversibler Prozess.
    H Rürup, dagegen steht ja "NUR" die Realität, denn da sind Währungsunion schonoft gescheitert und das Leben ging einfach so weiter

  • Die Einführung des Euros wurde von der Hoffnung der Franzosen
    getragen, die Stärke der DM auszuschalten, was ihnen damit
    auch zunächst gelungen ist. Allerdings konnte man damit nicht
    gleichzeitig die überragende Stärke der deutschen Export-
    industrie eindämmen. Dies wurde übersehen, denn mit der Einführung des starken Euros in den wirtschaftlich schwächeren Ländern wurde damit gleichzeitig deren Wirt-
    schaftsstruktur "vergewaltigt" und damit die Defizite in
    deren Leistungsbilanzen verstärkt. Dies ist nur zu "heilen"
    wenn alle wieder zu ihren alten Währungen zurückkehren. Man
    muss auch den Mut haben, Fehler einzusehen und zu korrigieren. Wer hat denn von der Einführung des Euros in
    Wirklichkeit profitiert? Es waren die Banken und die Groß-
    industrie und nicht die Menschen in Europa, denn die haben
    seit der Einführung der Kreditkarten den Euro nicht gebraucht. Die Menschen bezahlen heute die Bequemlichkeiten
    des Euros sehr teuer. Und etwas sollten sich die Politiker
    in Europa täglich vergewissern : "Beim Geld hat schon immer
    die Freundschaft aufgehört"! Ganz besonders zwischen den
    Staaten. Die Hoffnung der Politiker, den Einigungsprozess
    der Europäer mit der Einheitswährung voranzutreiben, ist bisher eindeutig misslungen. Man hätte stattdessen besser
    in allen Schulen in Europa "Englisch" als II. "Pflichtsprache" eingeführt, denn wäre die Sprache als Hin-
    dernis für ein vereintes Europa inzwischen nach 15 Jahren fast schon erledigt und würde kein Problem mehr darstellen.

  • Ah das Märchen der explodierenden Preise, schauen Sie sich mal die Inflationsraten der letzten Jahre in D an, bevor Sie so einen Schwachsinn hier schreiben.

    Außerdem, welche Arbeitskräfte bauen denn die ganzen Autos, die wir exportieren. Hm? Vergleichen Sie mal die Arbeitslosenquoten ...

  • Dass ein Wirtschaftswissenschaftler allen Ernstes die Einführung einer Kunstwährung, die ausschließlich auf inzwischen gebrochenen Verträgen basiert, mit der Geburt eines Kindes vergleicht, ist schon an sich heller Wahnsinn - das ist hoffentlich nicht der Stand und nicht die intellektuelle Qualität der heutigen Wirtschaftswissenschaften in Deutschland.
    Aber erschreckend ist es schon, dass ein Repräsentant der deutschen Universitätslandschaft unwidersprochen einen solchen Vergleich anstellt.

    Ich möchte diesen Vergleich aber unbedingt aufgreifen, denn er ist ein wunderbares Eigentor für alle Euro-Befürworter, die inzwischen zwar keine Argumente mehr haben, aber noch ein bißchen Restpolemik zu ihrer Verteidigung aufbringen.

    Die Geburt eines Kindes ist ein natürlicher Vorgang, der sich in der Tat nicht rückgängig machen läßt, weil er natürlichen Gesetzmäßigkeiten folgt, denen auch Sozialbürokraten und Technokraten nichts entgegensetzen können.

    Die Konstruktion von Artefakten hingegen ist keine Geburt qua Natur, sondern eine "Kopfgeburt" - und läßt sich hingegen selbstverständlich rückabwickeln - je schlechter und fehlerhafter das Konstrukt war, um so leichter passiert die Rückabwicklung von allein.

    Geburt und Kopfgeburt sind zweierlei, Herr Professor Rürup.
    Ich dachte, dieser Unterschied sei hinlänglich bekannt.

    P.S. Die Überlegung, das Knallen eines Sektkorkens mit der Einführung des Euros zu vergleichen, braucht wohl nicht weiter analysiert zu werden. Aber in der Tat steht der Euro mächtig unter Druck...

  • Sie scheinen ein grosses Bedürfnis nach Bedeutung zu haben?
    Das hatten schon andere vor ihnen, und um die Sache auf den Punkt zu bringen, stöbern Sie mal in der Vergangenheit, wer sonst noch eine europäische Währung wollte.

    Überschuldung ist keine Krise, sondern der Sensenmann mit dem Staatsbankrott. Geschichtlich konnte kein Land eine Überschuldung je in eine positive Überraschung umwenden. Und last, but not least, waren Überschuldungen von Staatshaushalten stets Anlass für Kriege.

    Das eigentliche Drama verblendeter Herren wie Rürup ist, dass sie meinen, sie könnten die Physik überwinden, den Blick in die Vergangenheit verweigern und sich Mittelfristig der Lächerlichkeit preisgeben. Und das Drama der Börsenblätter, sich solchen supranationalen "Theorien" anzuschliessen, Ideologie von Tatsachen nicht unterscheiden können und nicht merken, dass sie nicht nur das Gezerre verlieren werden, sondern letztendlich all ihren Besitz.
    Sie wollen alles und kriegen am Ende gar nichts.

    Am besten, das Handelsblatt streicht alles, was dem Herrn Guru ein schlechtes Gefühl vermittelt. Damit er noch eine Weile seinen feuchten Träumen anhängen kann.

  • ZU Bietchekoppen:Der Vergleich deutsche Länderfinanzausgleich und Eurotransferunion hinkt: Der Länderfinanzausgleich findet in einem einheitlichen Staatswesen statt,in dem derartige Opfer noch hinnehmbar sind,statt. Die Eurogemeinschaft ist das Gegenteil davon: Reine Rosinenpickerei aus egonationalistischen Gründen: Wir sollen wie im Einheitsstaat im finanziellen Bereich Transfers zahlen,aber
    z.B. eine politische Mitbestimmung an den Zielen der force de frappe ist natürlich vollständig ausgeschlossen.Deutsch ist die zahlenmäßig am meisten gesprochene Sprache,die aber aufgrund der antideutschen Sprachenpolitik unserer Nachbarn
    in Brüssel und in den Schulen der benachbarten Länder keine Role spielt.Usw.

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