Professor Chiffre
Warum der Euro doch keine Schnapsidee ist

In einem Gastbeitrag für das Handelsblatt fordert Arnulf Baring den Austritt Deutschlands aus der Währungsunion. Doch der steilen These des Politikwissenschaftlers fehlt eine klare Begründung. Er müsste es besser wissen.
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Arnulf Baring, ein anerkannter Politikwissenschaftler und Historiker, ist ob seiner Streitbarkeit und Wortgewalt sowie der Berechenbarkeit seiner Position in Talkshows ein gerngesehener Gast. Da der Euro seit einiger Zeit kein Talkshowthema mehr war, griff Baring zur Feder und forderte in einem Gastbeitrag für das Handelsblatt vom 4. Mai unter dem Titel „Der Euro - eine Schnapsidee“ den Austritt Deutschlands aus der Währungsunion.

Er, Baring, habe nie an die Überlebenschancen des Euro geglaubt und immer schon gewusst, dass die Gemeinschaftswährung zu massiven Transferleistungen zwingen und am Ende auf ein gewaltiges Erpressungsmanöver gegenüber Deutschland hinaus laufen würde. Unser Land hätte immer weitergehende Forderungen abzuwehren und müsse deshalb, um einer Überforderung und einem sozialen Niedergang zu begegnen, bald aus der Währungsunion austreten.

Nun, auch einem gelernten Politik- und Geschichtswissenschaftler ist es unbenommen auszublenden, dass der Euro mehr als ein ökonomisches Projekt war und ist. Und natürlich kann man auch die sich abzeichnende markante Verschiebung der weltwirtschaftlichen Gravitationszentren bei der Frage einer europäischen Gemeinschaftswährung als irrelevant erachten. Aber auch wenn man rein nationalökonomisch argumentiert, ist dennoch zu beachten, dass Ökonomie das Denken in Alternativen bedeutet.

Deshalb hätte Baring zur Begründung seiner steilen These als erstes klar machen und zeigen müssen, dass die auf Deutschland zukommenden Verpflichtungen im Rahmen einer dauerhaften Stabilisierung der Währungsgemeinschaft die Vorteile überwiegen, die unsere Exportnation aus dem Euro gezogen hat und ziehen wird. Und wenn diese Nachteile wirklich überwiegen, hätte in einem zweiten Schritt belegt werden müssen, dass im Vergleich dazu eine Rückkehr zur D-Mark auf Dauer gesamtwirtschaftlich vorteilhafter wäre. Auch dies fehlt.

Schließlich und endlich hätte ein Mann von der Erfahrung Arnulf Barings wissen müssen, dass es bei manchen Dingen, die schwer ans Licht der Welt zu bringen sind, unmöglich ist, sie wieder zurückzubringen. Dazu gehören Babys, Champagnerkorken und der Euro. Auch eine „kränkelnde Frühgeburt“ – wie der damalige Kanzlerkandidaten Gerhard Schröder die europäische Gemeinschaftswährung nannte – hat bei entsprechender Pflege das Zeug, ein Kraftprotz zu werden.

Bert Rürup, geboren 1943 in Essen, hat fast 30 Jahr lang die Bundesregierung beraten und war unter anderem Chef der Wirtschaftsweisen. Mit Carsten Maschmeyer hat er das Beratungsunternehmen MaschmeyerRürup gegründet.

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  • Der arrogante pseudowitzige Jargon von Bert Rürup gegenüber Arnulf Baring ist peinlich. Der hat nämlich in seinem Buch "Scheitert Deutschland" 1997 (!!) sämtliche Probleme des Euro prophezeit, mit denen wir uns jetzt herumschlagen. Er hat damals auf die dramatischen Gefahren des wirtschaftlichen und (aufgemerkt, Professor Rürup!) des politischen Projekts hingewiesen. Rürups flockiger Ton ist angesichts der heutigen Situation völlig unangebracht!

  • Umgekehrt: Nur etwa 40 % des deutschen Exports gehen in die Eurozone. Seit Einführung des Euro ist die Tendenz fallend (von 46 auf 40%)

  • Wieso soll der Euro nicht rückzuführen sein? Alles entwickelt sich, auch die Eurozone: Währungsunionen sind bisher immer aufgelöst worden, so auch der Euro. Nur die grauhaarigen Euromantiker leben starr in "einmal Euro - immer Euro", alles andere ist undenkbar. eben im letzten jahrhundert, in das der Euro gehört.

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