Walter – Der Finanzlotse
Ratlos durch die Krise

Die Ökonomenzunft steckt untereinander im Grabenkampf und haut sich öffentliche Briefe mit höchst gegensätzlichen Inhalten um die Ohren. Sie bewegt sich selbst ins Abseits, weil sie keine Entscheidungshilfen liefert.
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Widersprüchlicher geht es nicht: 1992 warnten etwa 60 vorwiegend deutsche Ökonomie-Professoren vor der Europäischen Währungsunion. Rund fünf Jahre später machten gut 50 Kolleginnen und Kollegen das genaue Gegenteil – sie sprachen sich öffentlich für die Europäische Währungsunion aus.

Im Juni 2012 unterzeichnete eine Armada von internationalen Wirtschaftswissenschaftlern ein „Manifest für ökonomische Vernunft“ gegen die Sparpolitik der Regierungen in der Euro-Zone (inzwischen haben fast 10.000 Ökonomen unterschrieben).

Seitdem geht es Schlag auf Schlag: Einen Monat später monierten 172 überwiegend deutsche Wirtschaftsprofessoren die Beschlüsse des EU-Gipfels, weil diese den Reformdruck für die überschuldeten Euro-Staaten verringern und den verordneten Sparkurs aufweichen würden. Im Dezember des gleichen Jahres widersprachen nahezu die gleichen Akademiker auch den EU-Beschlüssen zur Bankenunion.

Diese Kritik rief rund 200 Entrüstete auf den Plan, die im August dieses Jahres der Europäischen Zentralbank und deren Anleihekauf-Programm den Rücken stärkten. Das wiederum veranlasste etwa 140 Ökonomen vor wenigen Tagen erneut zu einem öffentlichen Protest, weil sie in der EZB-Politik eine durch kein Gesetz gedeckte Staatsfinanzierung sehen.

Das alles verstehe, wer will. Was, bitte schön, soll der normale Mensch damit anfangen? Sollte man vielleicht dem Aufruf zustimmen, der die meisten Unterschriften aufzuweisen hat – getreu nach dem Motto „Millionen Lemminge können nicht irren“? Das wäre absurd.

Für die Wirtschaftswissenschaft hat dieser Pro- und Contra-Modus ihrer Protagonisten fatale Folgen: Ausgerechnet in der Zeit der größten wirtschaftlichen Krise seit Generationen gerät sie ins Abseits; ihre Aufrufe verhallen ungehört im Nirgendwo, ohne jegliche Folgen für das politische Handeln. Was aber soll dann eine politische Wissenschaft, welche die Lehre von den Regeln des Marktes doch ist?

Natürlich hat es Meinungsstreit, ja sogar Glaubenskriege, in der Nationalökonomie schon immer gegeben: Adam Smith gegen Kameralisten, Karl Marx gegen David Ricardo, Wiener Schule gegen Historische Schule oder Monetaristen gegen Keynesianer, um nur einige Beispiele zu nennen. Daran zeigt sich, dass die Ökonomie eben keine exakte Wissenschaft ist, jedenfalls nicht so wie etwa die Mathematik oder die Physik.

Kommentare zu " Walter – Der Finanzlotse: Ratlos durch die Krise"

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  • Sie müssen schon etwas genauer hinsehen. Die rund 200 Unterstützer der EZB sind "praktizierende Ökonomen" aus ganz Europa und Nordamerika - also Volks- oder Betriebswirte mit einem Studienabschluss, die in ihrem Fach tätig sind (darunter viele Nichtwissenschaftler, z.B Bankvolkswirte). Die 136 Unterzeichner der Erklärung "Die Anleihekäufe der EZB sind rechtswidrig und ökonomisch verfehlt" sind deutsche Professoren der Volkswirtschaftslehre. Unter den 200+ "praktizierenden Ökonomen" befinden sich 43 deutsche Professoren der Volkswirtschaftlehre. Es sind also mehr als dreimal so viele gegen die EZB wie dafür.
    Roland Vaubel, Universität Mannheim

  • Fuer kritische Beobachter ist es ein leichtes, oeffentliche Stellungnahmen von Volkswirten im Hinblick auf ihre Brauchbarkeit zu sondieren. Die einen sind bestellte Meinungen, die zur Rechtfertigung aberwitziger Politk benoetigt werden, die anderen sind wissenschaftlich begruendbare Argumente, die von besorgten Oekonomen vorgetragen werden und die die Poltik nicht hoeren will.

    Im Uebrigen ist Volkswirtschaft gar nicht so schwer. Wenn eine besorgte Mutter will, dass das knappe Essen moeglichst lange reicht, wird sie jedem Kind sein eigenes Schuesselchen geben mit der Ermahnung: Teile es dir ein! Sie wird nicht jedem Kind einen Loeffel in die Hand druecken und den Topf in die Mitte stellen.

  • Also der euro-kritischen AfD.
    z.B. die Vorhersagen von Prof. Starbatty sind alle eingetroffen.

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