Walter direkt
Alarmierende Zeichen

Nur mühsam können die europäischen Zentralbanker ihre Nervosität wegen der wachsenden Gefahren für die Stabilität des Euro-Raumes verbergen.  Das kratzt auch an der Reputation dieser Institution.
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Immer deutlicher zeigt sich, dass unsere europäischen Währungshüter geldpolitisch auf einem schmalen Pfad wandeln. Jüngstes Zeichen dafür ist ein Eklat im Direktorium der Europäischen Zentralbank (EZB).  Ein Brief von Jens Weidmann an den EZB-Präsidenten Mario Draghi gelangte auf wundersame Weise in die Medien. In dem beklagte der oberste deutsche Währungshüter die aus seiner Sicht zu laschen Sicherheitsstandards für Kredite an Geschäftsbanken. Flugs sprang ihm der ehemalige Chefvolkswirt der EZB, Jürgen Stark, zur Seite und monierte öffentlich die miserable Qualität der gewaltigen EZB-Bilanz. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt.

Draghi wiederum versuchte, die Wogen zu glätten und propagierte Friede, Freude, Eierkuchen – garniert mit fast schon feinsinnigen Kontern gegen die Kritik von Weidmann. Er sei sicher, dass der Brief „nicht vom Jens“ herausgegeben wurde, denn der habe die Entscheidungen im Direktorium ja mitgetragen. Einen Kontrahenten im Wortlaut rein zu waschen und ihm trotzdem eins auszuwischen – das ist die hohe Kunst der Diplomatie.

Wer auch immer der Schurke in diesem Spiel sein mag, offensichtlich ist die Nervosität im Direktorium der EZB doch größer als bislang von der Öffentlichkeit wahrgenommen.

Und: Anlass zu Sorgen gibt es in der Tat. Insbesondere die Entwicklungen bei den Verbraucher- und Vermögenspreisen deuten aktuell auf eine wachsende Gefahr für die Stabilität des Euro-Raumes hin.

Auch wenn die EZB-Verantwortlichen öffentlich ziemlich schlank darüber hinweggingen, ist das Eingeständnis der EZB bitter, dass es in diesem Jahr keine Stabilitätsfortschritte bei der Preisentwicklung geben wird. Jetzt rechnet die EZB für 2012 mit einer durchschnittlichen Inflationsrate der Verbraucherpreise von bis zu 2,7 Prozent, noch im Dezember wurde eine Preissteigerung von 1,5 Prozent für möglich gehalten. Das ist – nach nur drei Monaten - eine dramatische Korrektur der Projektion für dieses Jahr.

Alarmierende Zeichen

Schuld daran sind nach offizieller Notenbank-Lesart die vielen Krisenherde in der Welt. Die treiben die Rohstoffpreise nach oben, die wiederum die Unternehmen zu Preiserhöhungen und letztendlich auch die Arbeitnehmer zu höheren Lohnforderungen zwingen, um Verluste in der Wirtschaft und bei der Kaufkraft zu vermeiden. „Cost push“ nannte man früher einmal diese Form der Inflationierung, der man lehrbuchmäßig mit einem Anziehen der Zinsschraube begegnen könnte. Aber so etwas verbietet jetzt natürlich die aktuelle Krise.

Mindestens ebenso bedenklich ist die Inflation bei den Vermögenspreisen.  Seit Jahresbeginn ist das Preisniveau aller Vermögensklassen deutlich gestiegen: Ob Aktien, Anleihen, Rohstoffe, Edelmetalle, Diamanten oder Immobilien – alle Indizes weisen nach oben. Das heißt aber nichts anderes, als dass der Kapitalmarkt derzeit seine Lenkungsfunktion nicht erfüllen kann, nach der das Kapital „zum besten Wirt“, nicht aber überall hin gehen sollte.

Der wesentlichste Grund dafür ist die nahezu grenzenlose Liquiditätspolitik der Notenbanken der Industrieländer, bei denen Geld fast nichts mehr kostet. Billionen Dollar, Euro, Pfund oder Yen haben sie an ihre Kunden verteilt, die damit nahezu risikolose Arbitragegeschäfte mit sehr ordentlichen Margen machen. Sicherlich wandert ein Teil dieser gewaltigen Summen als Kredit auch in die reale Wirtschaft. Das meiste aber wird tagsüber in Geschäfte am globalen Kapitalmarkt investiert und über Nacht bei den Notenbanken geparkt.

Das alles sind alarmierende Zeichen für die Stabilität des Euro-Raumes und für die Reputation der EZB zugleich. Die hat in der Krise ohnehin schon genug gelitten. Nur noch vier von zehn EU-Bürgern haben laut einer von der EU-Kommission in Auftrag gegebenen europaweiten Umfrage Vertrauen in die EZB – ein im Vergleich zu Vorkrisenzeiten miserabler Wert.

Herbert Walter, 58, führte von 2003 bis 2009 die Dresdner Bank. Vorher war er bei der Deutschen Bank weltweit für Privat- und Geschäftskunden verantwortlich. Heute arbeitet Walter als selbständiger Berater. Unternehmerisch engagiert er sich beim Finanzportal WhoFinance.de.

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Kommentare zu " Walter direkt: Alarmierende Zeichen"

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  • Wer hier mit frischgedrucktem Geld nur so um sich schmeißt, muss sich wahrlich nicht wundern, wenn sich die Inflationsraten im Euro-Raum drastisch erhöhen. Draghi wir mir immer suspekter....

  • Macht doch nichts! Wir merken auch so, dass der Artikel brandaktuell ist. Walters Kommentare gehoeren zu den kluegsten, auch weit ueber den Handelsblattraum hinaus.

  • Dieser Artikel kann nicht vom 20.12.2011 sein.

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