Walter direkt
Bitte fair bleiben!

Wer Portugal zum zweiten Griechenland erklärt, ignoriert die Anstrengungen des Landes, die Krise zu meistern. In Wahrheit zielt die Kritik auf die Eurozone insgesamt.
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Das Misstrauen sitzt tief. Und die Hemmschwelle, einem angeschlagenen Kandidaten noch einen Schlag mitzugeben, scheint auch spürbar gesunken zu sein. So jedenfalls  lässt sich die jüngst geäußerte Kritik an Portugal interpretieren. Portugal werde noch in diesem Jahr zum zweiten Griechenland, mutmaßte der Chef des weltgrößten Anleiheinvestors Pimco. 

Was er damit ausdrücken wollte, war klar. Die Schuldenkrise ist nicht nur nicht vorbei, sondern sie wird weitere Länder der Eurozone in den Abgrund reißen, für die Europäische Zentralbank zu einem Fass ohne Boden und für die nationalen Regierungen wie für Brüssel nicht zu beherrschen sein. Warum also diesen Ländern weiter Milliarden und Abermilliarden Euro gewissermaßen zum Fraß vorwerfen? Dann doch lieber alle Anstrengungen einstellen, den Sack zu machen und schauen, wohin sich das Chaos entwickelt. Das ist die zwangsläufige Schlussfolgerung aus einer solchen Sicht der Dinge. 

Diese Meinung teile ich nicht. Natürlich weiß heute niemand genau, wie und wann die Eurozone das tiefe Krisental verlassen wird. Niemand weiß, welche Überraschungen in nächster Zeit noch auf uns warten und was möglicherweise die Märkte wieder durchrütteln könnte. Aber reicht das aus, die Anstrengungen der überschuldeten Staaten wie Portugal einfach zu ignorieren? Hilft es irgendjemandem weiter, ohne Rücksicht auf Verluste die Angst vor einer unbeherrschbaren Katastrophe zu schüren? Ich meine in beiden Fällen: nein. So etwas ist nicht fair oder „extrem problematisch“, wie es der österreichische EZB-Rat Ewald Nowotny ausdrückte. 

Ohne Zweifel ist Portugal in einer äußerst schwierigen Situation. Die Wirtschaftsleistung schrumpft, die Zahl der Arbeitslosen steigt, und entsprechend schlecht ist die Stimmung. Die Staatsschuldenquote liegt jenseits der 100-Prozent-Marke und die Renditen langfristiger Staatsanleihen liegen deutlich im zweistelligen Bereich. Das alles ist eine schwere Hypothek beim Bemühen, das Land wieder auf die Beine zu stellen. 

Aber trotzdem gibt es auch Lichtblicke: Der zusammen mit der EU-Kommission, der EZB und dem IWF - der so genannten Troika – ausgearbeitete Rettungsplan für Portugal  wird von einer überwältigenden parlamentarischen Mehrheit getragen. Auch die Menschen im Lande scheinen mehr als in Griechenland zu akzeptieren, dass ihnen jetzt viel abverlangt wird, damit es später einmal besser läuft. Ein starkes Zeichen dafür ist, dass die Portugiesen, ganz anders als etwa Griechen und Iren,  ihre Einlagen bei heimischen Banken nicht abgezogen und ins Ausland transferiert, sondern sogar noch erhöht haben. Auch ausländische Rentenanleger scheinen wieder Vertrauen in portugiesische Anleihen zu fassen, dafür sprechen die zum Wochenanfang anziehenden Kurse.

 

Kommentare zu " Walter direkt: Bitte fair bleiben!"

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  • Bereits mit Griechenland zeichnete sich ab, dass da eine Perlenkette aufgemacht wurde, die auch von Pimco brav bedient wird. Das dürfte allerdings jedem klar sein, der sich die Ereignisse der vergangenen Jahre vor Augen führt.

  • Die Schuldenquote ist das Fieberthermometer der Krise. Leider sind ueber die Schuldenquote aktuelle verlaessliche Informationen nur sehr schwer zu bekommen. Die Medien berichten nicht darueber und die Politik verschweigt die Zahlen am liebsten. Wenn der Point of no Return ueberschritten ist, steigen die Schulden zwangslaufig weiter, weil die Wirtschaftskraft nicht ausreicht den Schuldendienst zu leiten und ein steigender Schuldendienst mit steigenden Schulden bezahlt wird.

    Es ist unerheblich, ob ein Land Anstrengungen unternimmt oder nicht. Wichtig allein ist die Frage, ob die Annahme realistisch ist, dass das Land Erfolg haben kann und das sich dies konkret in einer sinkenden Schuldenquote ausdrueckt.

    Hier die Statistik von Eurostat:
    http://epp.eurostat.ec.europa.eu/tgm/table.do?tab=table&init=1&language=de&pcode=teina225&plugin=1

    Ich will neue Zahlen sehen und das mindestens vierteljaehrlich!

  • Durchhalteparolen übelster Sorte. Ein "politisches Projekt", das bar jeglichen ökonomischen Sachverstands am Reissbrett entwickelt wurde und nicht funktionieren kann, kann auch nicht gutgeredet werden. Herr Walter, Sie werden an Ihren Worten noch gemessen werden, wenn der Euro alles mit sich reißt. Und dann zeigt sich damit Ihr ökonomischer Sachverstand!

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