Walter direkt: Branche mit mangelhaftem Selbstverständnis

Walter direkt
Branche mit mangelhaftem Selbstverständnis

Die Finanzindustrie beschäftigt sich viel zu wenig mit ethischen Fragen. Die intensive Diskussion in der Medizin zeigt, wie man Antworten und Lösungen für Interessenkonflikte finden kann.
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Jahreswechsel sind beliebte Anlässe, gute Vorsätze zu fassen und Wünsche zu formulieren.  Egal, wer von wem wo befragt wird, ganz oben auf den Wunschlisten der Deutschen steht die Gesundheit. Auf einem ebenfalls prominenten Spitzenplatz folgt dann regelmäßig der Wunsch nach finanzieller Unabhängigkeit. Frauen wünschen sich etwas mehr als Männer, soviel Vermögen aufzubauen, um im Alter gut davon leben zu können.

Auf den ersten Blick mag die Vorstellung ein wenig abwegig sein, auf Grund der prominenten Platzierung auf der Wunschliste Parallelen zwischen den Dienstleistungssektoren Medizin und Finanzen oder dem Arzt und dem Finanzberater zu ziehen. Das ist es aber nicht. In beiden Bereichen geht es offensichtlich darum, elementare Bedürfnisse der Menschen zu decken. Überspitzt formuliert heißt das, Gesundheit und Geld sind nicht alles, aber ohne Gesundheit und Geld ist alles nichts. So etwa muss man die Wunschliste der Deutschen wohl interpretieren.

Noch etwas kommt hinzu: Sowohl in der Medizin, als auch im Finanzbereich geht es darum, Dienstleistungen auf der Basis von Vertrauen zu erbringen. Wohl niemand würde freiwillig zu einem Arzt gehen, von dem er weiß, dass dieser seine Vertrauensstellung missbraucht. Genauso verhält es sich mit dem Berater einer Bank oder einer Versicherung.

Was mich schon seit Jahren beschäftigt und fasziniert, ist, wie intensiv in der Medizin – in der Praxis und in der Wissenschaft – über ethische Fragen dieses Berufsstandes nachgedacht wird. In einer gewaltigen Zahl von Abhandlungen, Sach- und Lehrbüchern geht es um die Suche nach ethischen Ansätzen zur Analyse von realen Problemfeldern in der Medizin, etwa im Verhältnis zwischen Arzt und Patient. Im Zentrum steht dabei, durch philosophisch-wissenschaftliche Methoden (Interessen-)Konflikte verstehbarer und damit lösbar zu machen. Letztlich geht es in der Medizinethik also um die Suche nach einer Antwort auf die Frage „Was soll ich tun?“.

Über die Antworten darauf wird innerhalb der Medizin, von Ärzten, Medizin- und Bioethikern, lebhaft diskutiert. Das betrifft in vielen Fällen auch ökonomische Fragen, etwa die Verhältnismäßigkeit von Nutzen und Kosten oder das Spannungsverhältnis zwischen Medizin und Ökonomie. Ein ganz aktuelles Beispiel dafür ist die Diskussion um Leitlinien für Ärzte, um einerseits eine Zwei-Klassen-Medizin zu verhindern und andererseits die Solidargemeinschaft nicht finanziell zu überfordern. Solche Diskussionen haben zwangsläufig Auswirkungen auf  das Tun und Lassen von Medizinern und damit natürlich auch auf deren Selbstverständnis.

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Ethisch richtiges Handeln kann jeder lernen

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  • Zu AlexDettig: Zu Recht setzen Sie „Diskussion“ in Anführungsstriche, denn eine solche im eigentlichen Sinn hat es nicht gegeben. Dass „einige Meinungsmacher erheblich gegen Banken Stimmung machen“, zeichnet m.E. nicht ein vollständiges Bild. Erstens sind es die Banken, die durch unseriöses Geschäftsgebaren ohne Moral und Ethik diese Stimmung ursächlich begründet haben. Zweitens haben sie, ohne auf die sich langsam aufbauende Welle der öffentlichen Empörung zeitig zu reagieren, zunächst mit der modern gewordenen Methode des Aussitzens ihre Praxis der Gewinnmaximierung um jeden Preis trotz der Finanzkrise 2008 fortgesetzt. Dies geschah wohl in der Hoffnung oder mit der leichtsinnigen Erwartung, damit durchzukommen. Man kann ihnen das nur bedingt zum Vorwurf machen, da im Anschluss an die Finanzkrise eine wirksame und die Ursachen korrigierende Reaktion seitens der Politik und etwaiger Regulatoren (z.B. EZB) ausblieb. Stattdessen setzten etliche Zweckoptimisten auf die Selbstregulierungskräfte der Branche bzw. des Marktes, die wegen des Mangels an Ethik und Moral ausblieb. Wenn Sie im Eingriff des Staates eine Bedrohung sehen, so warnen Sie gegen das, was bereits ein namhafter Begründer der Sozialen Marktwirtschaft als unerlässlich erachtete, dass nämlich dem Staat durchaus eine Ordnungsfunktion obliegt. Damals richteten sich die Hauptbedenken gegen Monopol-, Oligopol und Kartellbildung. Wahrscheinlich hatte man die verheerenden Konsequenzen eines ungeregelten Kapitalismus ohne Ethik und Moral nicht vorhergesehen. Unter dem Eindruck des einigenden Teamgeistes, der den beachtlichen Wiederaufbau des am Boden liegenden Landes förderte, lag die absolute, egoistische Ausrichtung der Individuen auf den eigenen Vorteil wohl außerhalb des Denkbaren. Ihre Bedenken gegen eine abnehmende Wettbewerbsfähigkeit der privaten Banken Deutschlands dürften angesichts der europäischen Bestrebungen nach einer „neuen“ Ordnung für die Finanzindustrie erheblich eingeschränkt werden.

  • Das Problem fängt nicht damit an, dass über ethisches Handeln in der Bankwirtschaft zu wenig diskutiert wird. Es fängt damit an, dass 95% der Meinungsträger und -verbreiter jeder Couleur überhaupt nicht verstehen, was Banken sind, was Banken machen und wie Banken funktionieren.

  • Das ist doch ein hahnebüchener Vergleich!
    Wie gut die Ethik in der Medizin funktioniert sehen wir an den Organspendeskandalen!
    Das Problem ist nicht mangelnde Ethik. Zum Teil ist Ethik sogar Ausgangspunkt von Problemen, nämlich da wo sie in Bürokratie münden und Umgehungsmotivationen erst einmal schaffen.
    Das Problem liegt in zu hohem Wettbewerbsdruck, der sich aber nicht im Verlust von Arbeitsplätzen niederschlagen darf. Also gibt es Ausnahmeregeln und dafür wiederum Ausnahmeregeln und am Ende haben wir das, was wir nun allseits beklagen.
    Eine Marktwirtschaft ist kein Schlaraffenland, sozial kann sie auf Dauer nur sein, wenn Unternehmen untergehen können.
    Damit das erträglich und praktikabel bleibt dürfen Unternehmen eigentlich nicht zu groß werden. Das aber ist in manchen Branchen schwierig und zu dem machtpolitisch nicht erwünscht. Auch die Wachstumsförderung zwingt zur Größe, was selten zu echtem Mehrwert führt, aber häufiger zu Verdrängung und politischen Abhängigkeiten.
    Geschwafel von Ethik bringt uns nicht weiter, wenn die Realität den Verzicht belohnt.

    H.

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