Walter direkt
Der Fluch der Komplexität

Die Regulierung der Finanzbranche wächst in abenteuerliche Dimensionen. Es ist Zeit für eine Umkehr, hin zu einfacheren und leichter zu überprüfenden Regeln.
  • 8

Das Leben wird halt immer komplizierter. Das ist eine der beliebtesten Sentenzen, die von Menschen geseufzt werden, wenn mal wieder etwas schief gegangen ist. Was so leicht daher gesagt wird, hat in Politik und Wirtschaft allerdings fatale Folgen.

Das kann man seit geraumer Zeit besonders gut an den Bemühungen von Politik, Aufsichtsbehörden und Banken erkennen, wenn es darum geht, die Ursachen einer aktuellen Krise als Quell einer neuerlichen Krise ein für allemal auszuschließen. Praktisch geschieht das, indem die Rahmenbedingungen für die Geschäftstätigkeiten der Kreditinstitute überarbeitet werden.

Damit das klar ist: Daran ist grundsätzlich nichts zu kritisieren. Wenn die Politik sich von Banken erpresst fühlt (SPD-Chef Sigmar Gabriel), dann muss sie handeln. Wenn Banken Produkte auf den Markt werfen, die so komplex sind, dass normale Anleger diese nicht verstehen können, dann muss das geändert werden. Wenn Banken nicht ausreichend mit Eigenkapital ausgestattet und dadurch krisenanfällig sind, dann muss etwas geschehen.

Was aber aus meiner Sicht eine besorgniserregende Fehlentwicklung bei der Regulierung der Finanzindustrie darstellt, das ist die geradezu absurd wachsende Komplexität des Regelwerks.

Was ich damit meine, sollen einige Beispiele zeigen. Die 1988 verabschiedete erste internationale Vereinbarung zur Bankenregulierung – bekannt unter dem Namen Basel I - umfasste ganze 30 Seiten. Die Revision dieser Vereinbarung im Jahr 2004 – bekannt unter dem Namen Basel II – war dann schon 347 Seiten stark. Die jüngste Revision von 2010 – bekannt unter dem Namen Basel III – kommt auf stattliche 616 Seiten. Das ist mehr als das zwanzigfache Volumen von Basel I.

Kommentare zu " Walter direkt: Der Fluch der Komplexität"

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  • @Rezzatoni
    Ihrer Ansicht kann ich nicht folgen.
    1. § 1 Abs. 2 StVO ist eher ein Handlungs oder Verhaltensgrundsatz aber keine Regel.
    2. Platzsparend zu Parken ist eine Regel, die man sich überhaupt sparen kann. Wo der Parkraum knapp ist sind ja immer Parkraumbegrenzer aufgepinselt.

    Auch muß nicht jede Regel einfach sein aber zur Einfachheit gehört auch, dass alte Regeln 'ausgemustert' werden.

    Umstellen und Rauskürzen was überflüssig ist, das verbessert Transparenz und Verständlichkeit - die Ergonomie wird besser. In der Mathematik lernt man das unter der Überschrift 'Algebra'.

    Vielleicht waren ja zu viele künftige Juristen und Politiker Kreide holen, als das Thema dran war. :)

  • Einfachere Regeln sind ein Patentrezept - und die funktionieren bekanntlich nie.
    Komplizierte Regelungen befriedigen ein vitales Bedürfnis des Rechtsanwenders, nämlich die Vorhersehbarkeit der Behördenreaktion. Je einfacher eine Regel ist, desto abstrakter ist sie - und desto überraschender ist, was andere daraus machen.
    Nehmen Sie mal den Straßenverkehr als Beispiel: § 1 Abs. 2 StVO bestimmt, dass sich jeder so zu verhalten hat, dass kein Anderer geschädigt, gefährdet oder mehr, als nach den Umständen unvermeidbar, behindert oder belästigt wird. Dem ist doch eigentlich nichts mehr hinzuzufügen, oder? Aber was heißt das eigentlich? Nun, da hilft z. B. § 12 Abs. 6 StVO weiter: "Es ist platzsparend zu parken; das gilt in der Regel auch für das Halten." Gut, dass das mal ausgesprochen wurde; aber richtig interessant ist es, wenn demnächst dort steht: und NICHT platzsparend ist es, wenn ..
    Denn sonst kann sich jeder aufregen: Das soll nicht Platz sparend sein?! Das muss man mir aber auch sagen!
    Und mit den Banken ist es nicht anders: was nutzt das eigene Denken, wenn nachher ein Richter anders entscheidet? Wer lesen kann, ist besser dran ...

  • Ohne Ihre Kritik grundsätzlich in Frage stellen zu wollen ;-) : Die Anzahl der Seiten eines Regelwerkes sagt nichts über die Komplexität desselben aus.
    Der Finanzmarkt heute ist nicht mit dem von vor 50 Jahren vergleichbar, auch hier ist die Komplexität gestiegen.

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