Walter Direkt

Die kalte Enteignung der Sparer

Die Politik der Notenbanken drückt die Zinsen unter die Inflationsrate. Diese finanzielle Repression ist eine traumatische Situation für Anleger. Hilfe versprechen allerdings Investitionen in Sachwerte.
12 Kommentare
Herbert Walter

Herbert Walter – Der Finanzlotse. Herbert Walter führte von 2003 bis 2009 die Dresdner Bank.

In diesen stürmischen Zeiten stehen viele Anleger vor einem großen Problem. Sie wagen es nicht, ihr Geld am Kapitalmarkt anzulegen und später ärgern sie sich schwarz, weil sie es nicht getan haben. Das ist beileibe keine deutsche Eigentümlichkeit, sondern in Europa wie in den USA zu beobachten.

Auch die Argumente für das Zögern sind fast immer gleich: Kurzfristig sei die Börse – wie in den vergangenen drei Monaten – schon gut gelaufen, daher sei jetzt die Gefahr eines erneuten Rückschlags größer, also zu groß für einen Einstieg, geworden. Mittelfristig könne niemand auch nur annähernd erahnen, wie es mit der Euro-Zone weitergehe und ob bei einem Zusammenbruch des Euro die Konjunktur weltweit in die Knie gehen werde. Langfristig sei sowieso alles vollkommen undurchsichtig und wer wisse schon, wie das Schuldenproblem der Industriestaaten gelöst werde – ganz abgesehen von neuen Überraschungen, die wir noch gar nicht im Blick haben.

Aus diesen Argumenten spricht eine tiefe Verunsicherung der Anleger und Investoren. Nach den vielen Krisenjahren in diesem doch noch recht jungen Jahrhundert ist das auch kaum verwunderlich. Trotzdem schlägt die Verunsicherung dann um in Ärger über sich selbst, wenn man sieht, welche Entwicklung die Kurse an den Märkten genommen haben.

In den vergangenen zwölf Monaten sind beispielsweise der Dax um 32 Prozent, der Dow um 16 Prozent und der FTSE 100 um 8,5 Prozent gestiegen. Kaum anders sieht das Bild aus, wenn man die vergangenen drei Jahre seit Ausbruch der Staatsschuldenkrise und der Turbulenzen um den Euro betrachtet. Dow: plus 40 Prozent, Dax: plus 31 Prozent, FTSE 100: plus 17 Prozent. Da hätte man dabei sein können, sollen, müssen, wenn . . .

Das Dilemma der Anleger wird zudem durch eine neue Entwicklung verstärkt: So wie es heute aussieht, haben sich Politik und Notenbanken in den Industrieländern auf unabsehbare Zeit dazu entschlossen, das Staatsschuldenproblem auf eine Weise zu entschärfen, die mit dem Fachbegriff „finanzielle Repression“ umschrieben wird. Das bedeutet im Kern, dass die Notenbanken die Zinsen so niedrig halten, dass die Inflationsrate höher ist, als der Zins, den die Staaten für ihre Schulden zahlen müssen.

Auf diesem Wege entwertet sich – in realer Rechnung - die Staatsschuld automatisch, womit das Staatsschuldenproblem auf längere Sicht ebenso automatisch gelöst wird. Das ist gut für den Staat, aber schlecht für die Anleger, es ist faktisch eine kalte Enteignung der Sparer. Relativ risikoarme Anlagen, etwa deutsche Staatsanleihen oder Geldmarktanlagen, bringen eine Rendite, mit der man nach einem Jahr – wieder real gerechnet – ärmer ist als zwölf Monate zuvor.

Der schnelle Gewinn ist nicht möglich
Seite 12Alles auf einer Seite anzeigen

Mehr zu: Walter Direkt - Die kalte Enteignung der Sparer

12 Kommentare zu "Walter Direkt: Die kalte Enteignung der Sparer"

Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

  • Genau richtig!

    Wenn also der risikolose Zins nahe Null ist, was die EZB ja verfolgt, desto mehr muss gezockt werden. Und wenn die Regierung dann noch eine Finanztransaktionssteuer einführt, dann wird der Anleger nochmals gezwickt. Hat er es dann doch noch geschafft einen Gewinn zu erzielen, dann kommt er in die Zange der Einkommensteuer und wird dort geschröpft.

    Das ist schon ein ausgeklügeltes System wie der Staat seine Bürger behandelt.

    Betrachtet der Kleinbürger die risikolose und beitragsfreie Altersabsicherung der Politiker und deren Arbeitseinsatz dagegen, kann er nur neidisch werden.

  • "Bäume wachsen nicht in den Himmel ..." - aber sie wachsen! Deshalb empfehle ich Bauminvestments, z. B. in Teak-Plantagen Beitrag von der Redaktion editiert. Bitte achten Sie auf unsere Netiquette: „Kommentare sind keine Werbeflächen“ http://www.handelsblatt.com/netiquette

  • @Mazi

    "Dieses System wäre dann zu durchbrechen, wenn die Bundesbank mit ihrem Goldbestand gedeckte Gold-Inhaberzertifikate ausgeben würde, die dann wie eine Ersatzwährung in Umlauf kämen. Es gäbe zwar keine Zinsen, aber ihr Wert wäre real gesichert."

    Das klingt nach einer durchaus guten Idee, vergleichbar dem Deuro-Konzept vom ex Chefvolkswirt der DB Thomas Meyer oder vielleicht früher der Rentenmark.

    Es ist aber kein Zweifel, das Deutschland eine eigene neue stabile Währung einführen muss, die Wertstabilität gewährleistet.

    Die Bundesbank hat leider noch den Mühlstein der Target2 Salden am Hals. Die Bundesbank ist damit genauso Bad Bank wie die EZB. Das war schon sehr clever von unseren Freunden, der Bundbank diese ungeheure Last aufzuhalsen.

  • Wenn die Realverzinsung der Sparguthaben negativ ist, dann kommt dies einer Enteigung oder einer substanzvernichtenden Steuer gleich - da braucht man nicht viel diskutieren. Herr Walter zeichnet die aktuellen Probleme der Sparer/Anleger hervorragend auf.

    Ein Aspekt fehlt mir dabei jedoch. Anleger im fortgeschrittenen Alter koennen nur mehr wenig Risiko eingehen. Sie stehen durch die aktuelle Finanzpolitik mit dem Ruecken zur Wand. Wenn jemand mit 30 sein Vermoegen verliert und neu beginnen muss, ist dies noch machbar. Aber mit 60 oder gar aelter, ist dies voellig unmoeglich. Unsere Politiker sollten dies auch wissen. Aber es kuemmert sie nicht.

  • @whoknows
    Sie haben Recht. Das einzige was an dem Beitrag gut war, war der Benutzername.

    Und dennoch kann man seiner Argumentation folgen, wenn sein Name auf einer dieser Steuer-CDs stand. Sparer, die die Zinsen ehrlich versteuern, wurden schon immer "kalt enteignet". Das war und ist das System.

    Dieses System wäre dann zu durchbrechen, wenn die Bundesbank mit ihrem Goldbestand gedeckte Gold-Inhaberzertifikate ausgeben würde, die dann wie eine Ersatzwährung in Umlauf kämen. Es gäbe zwar keine Zinsen, aber ihr Wert wäre real gesichert. Aber das will man ja nicht. Weder Zentralbank noch Politik könnten dann manipulieren. Der einzige plausible Sinn der Inflation ist die Entwertung der Schulden. Wenn also die Schulden entwertet werden sollen, müssen die anderen bluten. Fast man diesen Mechanismus bei uns in Deutschland zeitlich derart zusammen, ist er nicht von dem griechischen Schuldenschnitt differenzierbar.

    D.h. griechische Verhältnisse sind so gesehen schon lange auch bei uns.

  • @Einanderer
    "Wer meint, das Ausbleiben eines risikolosen Gewinns sei eine finanzielle Repression, der ist einer Verschwörungstheorie aufgesessen."

    In Wirklichkeit sind sie der Nullzins-VT aufgesessen, die seit neuestem um sich greift. Zinsloses Geld gibt es aber nicht, ausser durch Manipulationen der Zentralbanken.

    Wenn ein Sparer oder Investor auf seinen Konsum verzichtet und zusätzlich das Risiko eingeht jemandem einen Kredit zu geben, das kann der Staat, eine Bank oder ein Fond sein, dann erwartet man dafür eine Gegenleistung. Und diese Leistung ist der Zins. Das ist genauso wie die Miete die ein Mieter für die Nutzung einer Wohnung dem Eigentümer zahlt.

    Oder fordern sie neuerdings auch mietlose Wohnungen? Das hat schon in der DDR sehr gut funktioniert.

  • @Rechner
    "Die kalte Enteignung der Sparer?

    Eine Enteignung ist ein Zwangseingriff, eine "kalte Enteignung" wäre der Fall wenn die Inflationsrate nachhaltig steigen würde."

    Das stimmt nicht. Die Enteignung erfolgt in dem Moment, wo neues Geld geschaffen wird. Die vorhandene Geldmenge wird "verdünnt".

    Wann sich das dann in der Kaufkraft sichtbar macht, ist eine andere Frage. Das die Verdünnung der Geldmenge sich auf die Kaufkraft auswirkt ist aber ganz klar.
    Die offiziellen Statistiken mit ihren singulären Warenkörben sind nur zur Desinformation der Bürger da.


    Zusammen mit der Niedrigzinspolitik der Zentralbanken erfolgt systematisch eine Umverteilung vom Sparer zu den Großgläubern und dem Geldadel.

    Lesen sie doch mal etwas mehr über die Manipulationen der Zentralbanken: http://www.nzz.ch/finanzen/uebersicht/boersen_und_maerkte/neue-gesetze-in-der-zeit-der-manipulation-1.17590425

    Die Geldmanipulationen der EZB werden in Deutschland üble Folgen haben. Der Euro wird seine Funktion als Geldaufbewahrung verlieren und zum reinen Transfer Rubel werden. Exakt so von Herrn Hankel vorhergesagt.

    Bin gespannt woher die Banken ihr Eigenkapital hernehmen wollen ohne Spareinlagen.

  • Das Zinsniveau in den PIGS Staaten lag vor Euroeinführung zwischen 10% und 15% p.a. Dies waren damals wie heute Marktzinsen, d.h. der Zinssatz zu dem Anleger ihr Geld in PIGS Anleihen investiert haben. Bei einem Zinssatz von 7% für spanische Anleihen von einem "Zinswahnsinn" zu sprechen zeugt von tiefgreifender Unkenntnis. Wie am Beispiel Griechenland zu sehen ist, ist das Ausfallrisiko bei PIGS Anleihen beträchtlich. Warum sollte der Markt da keine höheren Zinsen verlangen. In Übrigen könnten sich die PIGS auch bei einem Zissatz von 3% nicht dauerhaft refinanzieren.

  • Vielleicht ist die traumatische Situation aber auch dadurch entstanden (und nicht zum ersten Mal in der Geschichte), weil eine staatliche Behörde etwas zu steuern versucht, was sich zentralstaatlicher Steuerung entzieht.

  • Die kalte Enteignung der Sparer?

    Eine Enteignung ist ein Zwangseingriff, eine "kalte Enteignung" wäre der Fall wenn die Inflationsrate nachhaltig steigen würde.

    Davon ist aber nichts zu sehen - in Deutschland lag die Geldentwertungsrate im August bei 2%.

    Die in Deutschland und anderswo niedrigen Zinsen für gute Schuldner ist dem im Vergleich zum Anlagebedarf niedrigen Angebot an solchen Schuldnern zu verdanken.

    Wer die Zinssätze da - verständlicherweise - zu niedrig findet, der muß eben auf riskantere Anlagen in der Knoblauchzone oder auf explizite Risikoanlagen wie Aktien zurückgreifen.

    Der einzige in diesem Zusammenhang erkennbare Fall von Repression - finanzieller oder sonstiger Art - liegt in der gesetzlichen Beschränkung von Versicherungsträgern auf "mündelsichere" Anlagen. Diese Beschränkung sollte deutlich gelockert werden, um nicht die Inhaber von Lebensversicherungen weiterhin zwangsweise zur kostenlosen Finanzierung der öffentlichen Haushalte heranzuziehen.

    Eine "kalte Enteignung der Sparer" liegt jedenfalls nicht vor - wer die Zinsen für Sparbüchern, Tagesgeld oder Bundesanleihen zu niedrig findet kann andere Anlageformen wählen.

Alle Kommentare lesen
Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%