Walter direkt
Die Mär von der Kannibalisierung

Unternehmen, die das Zusammenwachsen von realer und digitaler Welt ignorieren, werden zu den Verlierern gehören. Jetzt trifft es Printmedien, aber schon bald werden viele Bankfilialen vor gewaltigen Problemen stehen.
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Wenn ein Produkt eines Unternehmens am Markt nicht so läuft wie gewünscht, dann gibt es unter Managern eine viel genutzte Ausrede: Der Kunde habe das Produkt nicht so angenommen, wie es zu erwarten war. Trotz aller Marktforschung werde der Kunde leider immer unergründlicher und rätselhafter.

Damit ist dann das Ende des Produkts besiegelt, es verschwindet vom Markt. So geschieht es augenblicklich bei der Financial Times Deutschland und der Frankfurter Rundschau, so erging es vielen Reisebüros und Buchhändlern und so droht es Bankfilialen in den Industrieländern.

Auch die Ursache des Übels ist von den Gescheiterten schnell ausgemacht: Die unerbittliche Konkurrenz durch die Entwicklungen im Internet. Die würden genutzt von knauserigen Konsumenten, die nur auf den billigsten Preis schauen und schlimmer noch, sich vorher in den Filialen beraten lassen und dann Online ordern.

Für diesen Kampf zwischen realer und virtueller Einkaufswelt haben die Manager der realen Welt auch rasch einen anstößigen Begriff gefunden: Kannibalisierung. Dieses Wort war das Totschlagargument gegen Versuche, dem Kunden beide Welten gleichzeitig zugänglich zu machen. Welcher Vorstandschef will schon, dass in seinem Unternehmen die Onliner dem angestammten stationären Geschäft Kunden abjagen und das wahrscheinlich auch noch zu Lasten der Gewinnmargen?

Also blieb alles schön sauber getrennt und die Manager der realen Welt durften weiterhin ihre Nase hoch tragen, weil sie ja ordentlich Geld verdienten und die Onliner nur ein teurer Kostenblock waren.

Wenn sie sich schon nicht selbst um die Bedürfnisse ihrer Kunden kümmern wollten, hätten sich diese Manager wenigstens intensiver mit den vielen Studien über das Kundenverhalten befassen sollen, denn historisch gesehen nur einen Wimpernschlag später, begann sich diese Hochnäsigkeit zu rächen. Der Einkauf im Internet hat gewaltig zugenommen, in Deutschland allein in den vergangenen zwölf Monaten um 16 Prozent. Von solchen Wachstumsraten kann das stationäre Geschäft nur träumen. Bei Büchern, Musik, Filmen, Elektronik und Computern ordern Onlinekäufer hierzulande schon mehr über das Internet als in der Filiale und die Zahlen werden weiter spürbar steigen.

In eine ähnliche Richtung geht es bei den Bankkunden. Gut 10 Prozent aller neuen Verträge schließen Kunden mit ihrer Bank jährlich online ab. Bei Standardtransaktionen ist die Onlinequote schon zwei- bis dreimal so hoch, bei anspruchsvolleren Themen liegt sie noch im einstelligen Prozentbereich. Ein Viertel aller Kunden und die Hälfte der Onlinekunden würden das Internet gerne intensiver für Bankgeschäfte nutzen, wenn ihnen ihre Bank dazu eine Chance gäbe. Kein Wunder also, wenn die Kunden von Direktbanken deutlich zufriedener sind als die Filialkunden von Sparkassen, Genossenschaftsbanken und Großbanken.

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  • Also so ganz kann ich Herrn Walter nicht zustimmen.
    16% z. B. online-Kauf ist ja nicht so viel.
    Die Mehrheit der Kunden geht in den Laden um zu kaufen, ich will das Produkt sehen. Und ich habe auch keien Lust, bei Nichtgefallen ständig zur Pos zu rennen um das Paket zurück zu schikcne. Also Online-Kauf ist meist auch mit Arbeit und Afuwand verbunden. Und ich glaube, das wird auch so bleiben.
    Mit der Schließung der FTD hat dies nun gar nichts zu tun.
    Die FTD war ein stramm neoliberales Blatt und daher extrem einseitg und somit auf Dauer uninteressant
    Die Frankfurter Rundschau war so links, dass es einen schon schüttelte.
    Solche Zeitungen braucht niemand und das hätten die Betreiber auch wissen müssen

  • Nein, "Geistiges Eigentum" ist es in der Regel nicht. Denn es handelt sich ja im wesentlichen nur um die Vermittlung von Informationen Dritter, deren "Geistiges Eigentum" kann natürlich berührt sein. wer aber die Arbeit von Journalisten zum "Geistigen Eigentum" erklärt, macht Ausdrucksfähigkeit- und Talent zum Eigentum, was Unsinn ist.
    Nur wenn ein Journalist etwas veröffentlicht, bei dem es nicht um die Weitergabe von Informationen geht. Z.B. Kurzgeschichten oder andere Texte eigenen Inhalts, kann es sich um "Geistiges Eigentum" handeln.

    H.

  • Die Welt verändert sich, Produkte verlieren den Status als Wirtschaftsgut, andere neue Wirtschaftsgüter entstehen.
    Virtualisierung verändert die Märkte vor allem dort, wo nie das eigentliche Produkt, sondern nur das Medium verkauft wurde. Also bei Zeitungen das Papier und die Herstellung.
    Vermutlich wäre mündliche Information professionell organisiert ebenfalls nicht vergütungsfähig gewesen, jedenfalls nicht in der Breite, wie Presse das praktiziert.
    Da über das Internet Informationen im Prinzip nicht weitergesavgt sondern Direkt von der Quelle erhalten werdne können, ist der Journalist als qualifizierter Vermittler entbehrlich geworden. Und der Klatsch und die Skandale aus denen sowieso der größte Teil der Berichterstattung besteht ist kaum teuer vermarktbar.
    Geistiges Eigentum ist bei der Nachrichten Übermittlung ohnehin eine eher fragwürdige Angelegenheit, denn Informationsvermittlung enthält nur wenig Schützenswertes und die Information, die es vielleicht wäre kommt woanders her.
    Journalisten sind lediglich Zwischenhändler von Informationen und wie im Markt der physischen Produkte entfällt deren Notwendigkeit, weil über das Internet Sender und Empfänger direkt zusammenkommen können.
    Hinzu kommt, das die Presse weitgehend ihre Meinungseigenständigkeit und Neutralität eingebüßt hat, was sie zusätzlich in vielen Fällen zum nutzlosen Mitesser gemacht hat. Presse erweckt heute sehr oft den Eindruck nicht die Information sondern nur die Stille Post" gezielt und Interesse geleitet zu befördern.
    Der Rest des seriösen Journalismusses ist insgesamt nicht so bedeutend, das er überall wirtschaftlich bestehen könnte.
    Auch hier gilt, wie bei den Banken, das die Anbieter über ihr Quasi-Oligopol dem Kunden diktierten, was er zu lesen bekommt. Das rächt sich über kurz oder lang und der Vertrauensverlust ist für lange Zeit nicht reparabel.

    H.

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