Kurz und schmerzhaft

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Walter direkt: Geldsysteme sind kein Naturgesetz

Die Proteste von Occupy Wall Street zielen immer stärker auf das Geldsystem insgesamt. Die monetäre Welt wächst viel stärker als die reale Wirtschaft und erschwert damit eine Lösung der Schuldenkrise.

Herbert Walter
Herbert Walter – Walter Direkt. Herbert Walter führte von 2003 bis 2009 die Dresdner Bank.

Wenn das vergangene Wochenende im verbarrikadierten und mit gewaltigem Polizeieinsatz geschützten Frankfurt etwas gezeigt hat, dann das: Die Proteste gegen Banken, Banker und das Finanzsystem haben eine Dimension erreicht, die insbesondere die Protagonisten dieses Systems nicht mehr ignorieren dürfen. Das sind die Banker selbst, aber auch die Währungshüter und die Politiker. 

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In den Krisen der ersten zwölf Jahre dieses Jahrhunderts waren die Banken immer irgendwie dabei, beim Hype um die New Economy und dem Platzen der Blase, bei der US-Immobilienkrise und der darauf folgenden globalen Bankenkrise sowieso und natürlich spielen sie auch in der aktuellen Staatschuldenkrise eine gewichtige Rolle. 

Wer nun meint, das sei ja nun auch ein ganz besonders schlimmer Zeitabschnitt, der sollte einmal in ein hochinteressantes Working Paper des Internationalen Währungsfonds aus dem Jahr 2008 schauen. Für den überschaubaren Zeitraum von 1970 bis 2007 beschreibt die Untersuchung „Systemic Banking Crises. A New Database“ 124 Bankenkrisen, 208 Währungskrisen und 63 Staatsschuldenkrisen auf nationaler Ebene – alles in nur 38 Jahren. 

Sieht so ein stabiles Finanzsystem aus? Natürlich wurden all diese Krisen bisher irgendwie und irgendwann auch beendet, aber vor allem durch den Einsatz von immer mehr Geld. Rettungsschirme, Rettungsfonds und andere Fazilitäten rechnen mittlerweile nicht mehr in Milliarden, sondern in Billionen – fast egal, ob das nun Dollar oder Euro sind. Aber wohin führt das? 

Ich meine, diese Entwicklung ist unterschwellig ein maßgeblicher Grund für die  erkennbare Sympathie vieler Menschen für die aktuellen Proteste. Der derzeitige Medienrummel um David Graebers Buch „Schulden“ unterstreicht das. Dieses Buch wird sogar zu einem beachtlichen Teil von Journalisten oftmals geradezu überschwänglich rezensiert, die mit der Wirtschaft eher selten und mit der Finanzindustrie sowie dem Finanzsystem eigentlich gar nichts zu tun haben möchten. Aber Graeber spricht offenbar gerade jetzt vielen Menschen aus der Seele, wenn er an Hand eindrucksvoller Beispiele aus den vergangenen 5000 Jahren Ursachen und Folgen einer ungezügelten Schuldenwirtschaft beschreibt.

  • 23.08.2012, 09:24 UhrTraumschau

    @Jan
    Hallo, ich habe den Beitrag sehr aufmerksam gelesen. Mir scheint jedoch, dass Sie einen wichtigen Punkt übersehen.
    1. Die Geldschöpfung der Privatbanken
    Dazu ist zu sagen, dass mittlerweile die Geldmenge das weltweite BIP um den Faktor 10 übersteigt (ca. 60 Bill. zu 600 Bill.). Dieses Geld, dass die Banken aus dem Nichts schöpfen (Giralgeld), muss aber verzinst werden. Die Zinsen werden aber bei der Geldschöpfung nicht mitgeneriert. Also wo kommt das zusätzlich benötigte Geld her? Aus neuen Schulden, natürlich! Das erklärt die ungeheure Ausweitung der Geldmenge, die letztlich einen exponentiellen Verlauf nehmen muss, weil ja immer was fehlt und nachgeschossen werden muss. Nur dumm, dass sich im selben Umfang wie die Guthaben auch die Schulden vermehren - das ist die Krux unseres Schuldgeldsystems.
    Nur leider steht diesem "Geld" (also 9/10) KEIN realer Gegenwert gegenüber - nur als Schulden.
    Man stelle sich vor: Geschäftsbanken vergeben quasi einen UNGEDECKTEN Kredit in Form von Sichtguthaben, d.h. sie kassieren Zinsen für eine tatsächlich NICHT erbrachte Leistung, denn das Geld ist schlicht nicht vorhanden, es wird virtuell erzeugt (Leveraging, in D. bis Faktor 50 möglich)! So hängt alles zusammen. Die Verschuldung muss aber zwangläufig im selben Maß zunehmen, wie Geld geschöpft wird - plus Zins und Zinseszins! Ich kann nicht begreifen, wie man diesen einfachen logischen Zusammenhang bestreiten kann.

  • 26.05.2012, 14:34 UhrJan

    "Der Zinseszins war die größte Erfindung des menschlichen Denkens." (Albert Einstein)
    Leider hat der Autor unser Geldsystem und Finanzsystem und ihr langfristiges Zusammenwirken im Wirtschaftskreislauf nicht verstanden. Zunächst muss zwischen Geld(Tauschsubstitut) und Finanzanlagen unterschieden werden. Bei nährer Betrachtung wird deutlich, dass schon im Kern dieses heutigen Systems der Mechanismus der Entschuldung fester Bestandteil ist. Denn nicht nur die Zinsen unterliegen dem exponantiellen Wachstum, sondern auch die Geldentwertung sowie die Risikokosten der Finanzanlagen. Lediglich die Zahlen wachsen immer schneller, man kann sie anpassen, muss man aber nicht. Wichtig ist alleine, das verfügbare Geld im Verhältniss zu den zur Verfügung stehenden Produktionskapazitäten (Im In- und Ausland). Verschuldung reguliert sich immer von selber man muss sie nur lassen. ...und hier liegt der derzeitige Fehler. Hoch verschuldete Staaten können sich nicht weiter verschulden, weil die Bürger ihren Staaten nicht mehr vertrauen. Ein Teil der Finanzanlagen verfällt (Risikokosten), ein Teil wird in Geld konvertiert und ausgegeben. Ohne Geldsystem kein Sozialsystem und Rentensystem. Die betuchten oder vorrausschauenden würden Güter Horten während andere im Mangel sterben. Die Transaktionskosten währen gigantisch, wegen der Tauschketten. Die Wirtschafszyklen werden verstärkt, weil jeder sein Geld sofort los werden möchte. Rückt das Verfallsdatum näher steigt die Inflation und die Menschen kaufen nur Sachen die sie nicht brauchen. Beispielsweise Antibiotika, Weizen, Öl alles was man wieder los wird. Diese Güter werden dem Wirtschaftskreislauf entzogen. Die Hölle auf Erden. Unser derzeitiges System ist genial. Oder nach Einstein: "Der Zinseszins war die größte Erfindung des menschlichen Denkens." (Albert Einstein)

  • 26.05.2012, 12:51 Uhrmondahu

    @Hoelder1in
    ja,ja, aber die zweite Verdoppelung bedeutet ja auch eine Vervierfachung des Grundbetrages, und das ist was Herr Walter meinte. Er hat also recht!

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