Walter direkt
Heer der Angsthasen

Die Deutschen scheuen das Risiko – mehr als die Bürger in allen anderen Industriestaaten.
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Die gesellschaftliche Entwicklung in Deutschland hat unbestreitbar der jetzt lebenden Generation einen Freiheitsspielraum gebracht, der deutlich größer ist als der jeder vorherigen Generation. Doch diese Freiheit scheint von den meisten Bundesbürgern nicht als Segen und Chance, sondern eher als eine Belastung durch persönlichen Entscheidungsdruck und zunehmende Unsicherheit empfunden zu werden.

Das belegen verschiedene Untersuchungen. Die Allianz zum Beispiel hat einen globalen Index der Risikobereitschaft entwickelt. Auf der Länderrangliste über die durchschnittliche Risikoneigung in den vergangenen 15 Jahren nimmt Deutschland den letzten Platz ein. In keinem der untersuchten 18 Staaten ist die Risikoaversion der Anleger und Investoren so hoch wie in Deutschland.

Ein ganz ähnliches Bild zeichnet eine aktuelle Allensbach-Umfrage im Auftrag der Postbank zum Thema Altersvorsorge. Fast jeder zweite Bundesbürger hat Angst, dass die hohe Staatsverschuldung seine gesetzliche Rente schmälern wird. Gleichzeitig hat aber wegen der aktuellen Krise jeder fünfte seine bestehenden Altersvorsorge-Verträge gekündigt oder reduziert, weil ja doch nichts mehr sicher ist.

Natürlich gehört zur gesellschaftlichen Freiheit auch das Recht, im Hier und Jetzt zu leben und sich um die Zukunft einen Teufel zu scheren. Wenn aber eine Art kollektiver Zukunftsangst das Motiv für solches Handeln ist, sieht die Sache anders aus. Denn dann geht es um ein sehr ernstes gesellschaftliches Problem, das nicht nur die Zukunft einzelner Menschen, sondern die unseres Landes gefährdet.

Auch wenn es derzeit sehr unpopulär ist, über mehr Risikobereitschaft zu reden, die Folgen einer insgesamt risikoaversen Gesellschaft sind absehbar. Unsere Wirtschaft lebt davon, dass Unternehmen Risiken eingehen, also investieren, um Marktchancen wahrzunehmen. Wo sollen die Unternehmer herkommen, wenn niemand Risiken eingehen will? Unsere Gesellschaft lebt davon, dass weit in die Zukunft reichende politische Entscheidungen getroffen werden, zum Beispiel bei Energie-, Umwelt- und Verkehrsinfrastrukturfragen. Wer trifft diese Entscheidungen, wenn niemand da ist, der das gesellschaftliche Risiko solcher Zukunftsfragen auf sich nimmt?  Und: Welcher gewählte Politiker macht das schon, wenn das Heer der Angsthasen lieber populistische Zugeständnisse als Gestaltung der Zukunft erwartet?

Es ist wirklich bemerkenswert, dass insbesondere die jungen Menschen etwa in Frankreich viel mehr Vertrauen in die Zukunft ihres Landes haben als ihre Altersgenossen in Deutschland.  Trotz der gigantischen Katastrophen in Japan blicken die Menschen dort zuversichtlicher voraus und sind viel mehr bereit als wir, Risiken einzugehen.

Wenn sich die Risikoscheu bei uns nicht ändert, werden wir nicht nur eine immer älter werdende Gesellschaft, sondern auch eine immer ärmere mit immer größer werdenden Schwierigkeiten unseres Sozialstaats.

Im jüngsten Koalitionsvertrag von Union und FDP steht ein sehr schönes Versprechen: „Wir stellen den Mut zur Zukunft der Verzagtheit entgegen.“ Genau das ist es. Jetzt müssen wir nur darangehen, dieses Versprechen einzulösen. Wir, das sind die Politik, die Wirtschaft, aber das ist auch jeder Einzelne von uns.

Herbert Walter, geboren 1953 in Prien am Chiemsee, führte von 2003 bis 2009 die Dresdner Bank. Seine Karriere startete er nach einem Studium der Betriebswirtschaftslehre in München bei der der Deutschen Bank.

Kommentare zu " Walter direkt: Heer der Angsthasen"

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  • Warum lassen Sie sich Ihre Zähne nicht in Ungarn sanieren ?
    Sie sparen mit Sicherheit dort ca. 50% der Kosten deutscher Zahnärzte bei gleicher bis vielleicht besserer Qualität der Arbeit !!

  • H.Walter schwadroniert von Risiokobereitschaft.Er repräsentiert dabei eine Branche, die es als gottgegebenes Recht empfindet, andere für sich haften zu lassen.
    "Risikobereitschaft" bedeutet im Bankensektor, ohne haftungsfähige eigene Mittel zu agieren. Gewinne fallen dabei an die agierenden Spesenritter (selbst die Aktionäre der Banken werden geprellt), während Verluste über Lobbyismus auf die Bevölkerung abgewälzt werden. Walter führte die Deutsche Bank(24) dahin, wo sie niemand brauchte. Ihre Einstellung kostete ihn nichts. Wie Walter die Dresdner Bank führte, ruinierte sogar noch die übernehmende Commerzbank. Für Walters Wirken haftet der Bürger, den Walter dafür zum Dank als risikoscheuen "Angsthasen" verhöhnt.

  • Diese Gesellschaft hat gerade die eingefahrenen Pfade der Energieversorgung verlassen und riskiert es, sich auf Wind- und Sonnenenergie zu einzulassen. Das - würde ich sagen - ist hochriskant !Die Ökologiebewegung riskiert es ja gerade, das Land und die Wirtschaft umzubauen. Damit soll die Zukunft gewonnen werden. Ich bin zwar nicht dieser Meinung, aber man kann nicht sagen, dass die deutsche Gesellschaft nichts riskiert. Für meine Begriffe ist das Ganze sogar zu riskant !

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