Walter direkt
Bittere Pille

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Höhere Zinsen wären das wirkungsvolle Mittel

Die wichtigste Aufgabe der Banken ist es, die Wirtschaft mit langfristigen Krediten zu versorgen. Wenn das damit verbundene Risiko nicht honoriert wird, weil die Zinsen nahe der Nulllinie liegen, werden sie das nicht oder wenigstens nicht im notwendigen Umfang tun. Die Unternehmen wiederum richten sich dann notwendigerweise darauf ein, ihren Verschuldungsgrad zurückzufahren. Beides sind denkbar schlechte Aussichten für das Wachstum, denn die Wirtschaft stellt sich darauf ein, zu schrumpfen statt zu expandieren.

Wenn Kapitalsammelstellen wie Pensionskassen und Versicherungen auf lange Sicht nur sehr geringe Erträge erwirtschaften können, weil die Kapitalmärkte eben nichts mehr hergeben, so werden ihre Geschäftsmodelle gewaltigen Schockwellen ausgesetzt. Diesen Instituten kommt nahezu jedes Argument abhanden, mit dem sie Sparer von der Sinnhaftigkeit ihrer Produkte überzeugen können. Auch das ist eine schlechte Perspektive nicht nur für die Finanzindustrie, sondern für das Wirtschaftswachstum insgesamt.

Und wir selbst als private Anleger? Wenn es nahezu egal ist, ob wir Geld anlegen oder unter die Matratze packen, so müssen wir uns doch fragen, ob der mit dem Sparen verbundene Konsumverzicht überhaupt sinnvoll ist. Wenn wir uns dazu nicht nur über geringe Erträge unserer Anlagen ärgern, sondern auch noch Angst davor haben, ob das von uns investierte Geld überhaupt zurückgezahlt wird, wäre Schuldentilgung, so wir denn überhaupt noch private Schulden haben, die einzig vernünftige „Anlagealternative“ für Sparer. Sollte sich das im Laufe der Zeit  allgemein durchsetzen würde, wäre es wirklich schleierhaft, wo das erwünschte Wirtschaftswachstum herkommen könnte.

Sicherlich erscheint es zu früh, schon in nächster Zeit die Null-Zins-Politik der Notenbanken aufzugeben. Aber je schneller die Geldpolitik zur Normalität zurückkehren kann, umso besser für die Industrieländer und die Weltwirtschaft insgesamt. Dabei können aufstrebende Volkswirtschaften, wie etwa China, Indien oder Brasilien eine wichtige Rolle spielen. Sie werden künftig einen enormen Kapitalbedarf für den Bau von Häusern, Fabriken und Infrastruktur haben.

In einer neuen Normalität, in der risikolose Anlagen in den westlichen Industrieländern rar geworden sind, bieten die Schwellenländer attraktive Chancen für institutionelle und private Investoren. Ihr schon in ein paar Jahren stark wachsender Kapitalhunger könnte dafür sorgen, dass die Industrieländer aus der Zinsfalle herauskommen, und die Zinskurve des globalen Kapitalmarkts am langen Ende deutlich steigt. So widersprüchlich es klingen mag, höhere Zinsen am langen Ende des Kapitalmarktes wären sicherlich das wirkungsvollere Mittel für eine Erholung der Industrieländer als eine lange anhaltende Politik des Geldes zum Nulltarif.

 

 

Herbert Walter, geboren 1953 in Prien am Chiemsee, führte von 2003 bis 2009 die Dresdner Bank. Seine Karriere startete er nach einem Studium der Betriebswirtschaftslehre in München bei der der Deutschen Bank.

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  • Warum sollen denn die Kapitalsammelstellen nicht wieder dorthin zurückkehren, wo sie vor dem "Mehr Geld durch Geld" schon einmal waren? Die Allianz hatte Mitte der 80-er Jahre ein branchenrisikogewichtetes Beteiligungsportfolio, das durch die großartige Politik der Entflechtung der Deutschland AG vernichtet wurde. Die Allianz bekam statt der Aktien/Unternehmenbeteiligung nur noch Wertzettel Anderer, die viel intelligenter investierten (Private Equity, Hedge Fonds)! Natürlich hatte dies den Vorteil dass Unternehmenfinanzierungsleverageeffekte multipliziert werden konnten, aber leider nur "mehr Geld durch Geld" entstand, das wiederum statistisch auch noch Wachstum generierte. Geben Sie doch jetzt nicht der Nullzinspolitik die Schuld. Diese Politik bewertet die Mengenausweitungseffekte durchaus richtig, indem sie deren Ertragsaussichten mit Null bewertet. Schade eigentlich, dass das Schneeball-Mehr-Geld-durch-Geld-Spiel nicht mehr so läuft, wie gehabt.

  • Im Wesentlichen stimme ich zu. Nachtragen moechte ich, warum das moeglicherweise so ist. Das Motiv der Niedrigzinspolitik ist vorrangig nicht Wirtschaftswachstum, sondern um die Kosten fuer Staatsschulden niedrig zu halten. Bei steigendem Ausfallrisiko insbesondere in den Krisenlaendern verlangt der private Investor hoehere Zinsen. Bei niedrigen Zinsen wird er sich verweigern. Notenbanken muessen also, damit die Krisenlaender fluessig bleiben, fuer sich verweigernde private Investoren einspringen (Kauf von Staatsanleihen). Gleichzeitig fluten Notenbanken den Markt mit zusaetzlicher Liquiditaet (Notenbankkredite fuer Banken). Die anlagesuchende Ueberschussliquiditaet sorgt fuer niedrige Zinsen. Mittelfristig wird Ueberschussliquiditaet Anlage in Sachwerten suchen und ueber Rohstoffpreissteigerungen zu allgemeinen Preissteigerungen fuehren. Bleibt die Nachfrage aus (ausbleibendes Wirtschaftswachstum), kommt es zum bekannten Phaenomen Stagflation. Bekaempft man selbige mit den gleichen Mitteln, die schon seit Jahrzehnten versagt haben, wird sich das Problem durch Hyperinflation und Waehrungsreform loesen muessen.

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