Walter direkt
Lästige Veränderungen

Wir scheuen die Einsicht ins Unvermeidliche und setzen lieber auf Zeitgewinn. Das ist menschlich verständlich, aber meistens dumm. Das zeigen auch die Klagen über den Benzinpreiswucher.
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Menschen haben überhaupt nichts gegen Veränderungen, solange sie von denselben profitieren. Ist diese Bedingung nicht gegeben, dann allerdings sieht die Sache schon anders aus. Dann sind Veränderungen meist von Übel, zumindest ungerecht und sie gehören abgeschafft.

Zwei Beispiele: Kaum hatte die Europäische Zentralbank zum zweiten Mal innerhalb weniger Monate rund 500 Milliarden Euro an die Finanzindustrie verteilt, die damit notleidenden Regierungen unter die Arme griff, da schwollen die Ansagen an, man werde das vorher versprochene Sparziel doch nicht erreichen können und für diese oder jene Maßnahme brauche man mehr Zeit als noch vor kurzem gedacht.

Kaum kletterten die Benzinpreise auf immer neue Höhen, da erhob sich Volkes Stimme gegen den Benzinpreiswucher und die Politiker pusteten einen Vorschlag nach dem anderen heraus, wie man diesem Übel wenn schon nicht beikommen, so es doch wenigstens etwas abmildern zu können. Das Kartellamt wurde losgeschickt, eine Erhöhung der Pendlerpauschale oder Steuersenkungen wurden ins Spiel gebracht, um nur einige, wenige Vorschläge zu nennen.

So ist das eben im Großen wie im Kleinen.  Mit jedem neuen Hoffnungsschimmer glauben wir, eine als lästig empfundene Veränderung milder gestalten oder uns wenigstens mehr Zeit mit der Umsetzung gönnen zu können. Vor der Einsicht ins Unvermeidliche schließen wir lieber die Augen und die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt.

Nur manchmal hilft es nichts, die Veränderung ist unumstößlich. Die Frage ist dann doch, was haben wir davon, wenn wir den harten Schnitt fürchten und versuchen, die Veränderung so weit und so lange wie möglich hinauszuschieben?

Macht es wirklich Sinn, wenn wir in der aktuellen Schuldenkrise in Europa Veränderungen verzögern und auf Zeitgewinn setzen? Natürlich stehen die überschuldeten Euro-Länder auf dem Weg zu solideren Staatsfinanzen vor gewaltigen gesellschaftlichen Veränderungen, die auch Zeit brauchen. Aber dabei geht es doch letztlich darum,  dass diese Länder  mit den vereinbarten Reformen neues Vertrauen aufbauen und Kredibilität gewinnen. Das ist die Voraussetzung dafür,  irgendwann ohne fremde Hilfe den eigenen Weg gehen zu können.

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