Walter direkt
Visionen gegen Hausaufgaben?

Frankreich driftet wirtschaftlich immer stärker in Richtung Italien und Spanien. Ohne mutige Reformen wird der Protagonist Europas zur hilfsbedürftigen Ohn-Macht. Das hält die Euro-Zone nicht aus.
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Sicherlich ist es richtig, wenn sich die europäischen Staaten Gedanken darüber machen, wohin denn die Reise der Europäischen Union im Allgemeinen und der Euro-Zone im Besonderen gehen soll. Was aber hilft uns das, aus dem derzeitigen Schlamassel herauszukommen?

27 souveräne Staaten müssten sich einig werden, in welche Richtung die bestehenden europäischen Verträge geändert werden sollen. Sie müssten zustimmen, welche Souveränitätsrechte sie an eine demokratisch legitimierte europäische Instanz abtreten wollen. Vor allem aber müssten sie sich darauf verständigen, wie und wo sie Europa im Kontext der globalen politischen und wirtschaftlichen Entwicklung positionieren möchten.

Ganz konkret muss darüber entschieden werden, ob Europa irgendwo im Geleitzug der Weltwirtschaft oder doch lieber in der Lokomotive Platz nehmen möchte. Anders gesagt, es geht dabei um nichts weniger, als um die Frage nach Aufstieg oder Niedergang der Europäischen Union. Aber machen wir uns nichts vor: Bis diese Vision in der Realität angekommen ist, werden viele Jahre vergehen.

Und was machen wir bis dahin? Sonnenklar ist doch, dass die Wettbewerbsfähigkeit des Standorts Europa in der Weltwirtschaft entscheidend ist, wohin die Reise gehen wird. Damit steht es jedoch wahrlich nicht zum Besten. Das gilt für die überschuldeten Peripheriestaaten allemal, aber in einem erschreckendem Ausmaß auch für die zweitgrößte Volkswirtschaft der Euro-Zone, für Frankreich.

In welche Statistik man auch blickt, überall scheint die aktuelle Kritik der Europäischen Kommission an der wirtschaftlichen Entwicklung Frankreichs bestätigt zu werden. Der Anteil Frankreichs am Weltexport ist von 2005 bis 2010 um fast 20 Prozent gesunken, innerhalb der Europäischen Union nur in Großbritannien mit 24 Prozent und Griechenland mit gut 20 Prozent noch stärker. Die Steuerlast ist deutlich höher als im EU-Durchschnitt, der Arbeitsmarkt verkrustet und die Konsolidierung der Staatsfinanzen rückt in immer weitere Ferne.

Statt wie geplant drei Prozent dürfte das Budgetdefizit in diesem Jahr 50 Prozent höher bei 4,5 Prozent liegen. Trotz aller angeblichen Sparanstrengungen wird die Staatsschuldenquote sich von 2009 bis 2013 um rund 17 Prozent von 79,2 auf 92,5 Prozent verschlechtern. Frankreich habe nicht spezifiziert darstellen können, wie es die selbst vorgegebenen Budgetziele im nächsten Jahr erreichen wolle, schrieb die EU-Kommission vor wenigen Tagen in ihrem Bericht über die Wirtschafts- und Finanzpolitik der Mitgliedsstaaten süffisant.

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Euro-Bonds sind kein Allheilmittel

Kommentare zu " Walter direkt: Visionen gegen Hausaufgaben?"

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  • Aber, Herr Walter, als Volkswirt sollten Sie nicht Ihr Verstehen mit diesem Unsinn (im wahrsten Sinne des Wortes) zum Ausdruck bringen, Krisenursachen wären „strukturelle Defizite“. Auch nicht mit der Begründung, jeder wisse doch, was darunter zu verstehen sei.Hierzu sei nur daran erinnert:"Eine genaue Methode zur Berechnung eines strukturellen Defizits bleibt außen vor – auch, weil sich die Staaten darauf nicht einigen konnten."
    Als langjähriger Chef-Volkswirt einer Bank kennen Sie doch die Krisenursache, zumindest eine ihrer charakteristischen Erscheinung, den profitablen Verkauf des zeitweiligen Gebrauchs von Geld (als Geldware)in einer Menge, welche nicht die "Realwirtschaft" bedingt(e) - "real" hier übrigens auch schon deshalb unsinnig, weil "Finanzwirtschaft" nicht als unreal verstanden werden soll -.
    Krisenursache ist die nicht verkaufbare "Überproduktion", insbesondere von Geldware, durch "Produktion" und Handel von Geldware, welche die "Realwirtschaft" nicht bedingte). Die Krisenursache kann deshalb auch nicht durch "Reformen", durch die Wiederherstellung einer Form des bisherigen Wirtschaftens, beseitigt werden.
    Bringen Sie Ihr Verstehen nicht mit derartigen Kauderwelsch von "strukturellen Defiziten" und von "Reformen" zum Ausdruck.

  • sterbende_demokratie
    Ein guter Beitrag. Dem kann ich zustimmen

  • In der letzten Weltwirtschaftskrise wurden viele Banken gegründet, da den Menschen die Verflechtungen und Zusammenbrüche der "etablierten" nicht mehr geheuer waren.

    Vielleicht sollte man da mal wieder ansetzen.

    Eine Bank zu gründen ist ja nicht wirklich schwer und teuer.

    Vielleicht stellt sich Herr Walter ja dazu als Berater zur Verfügung.

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