Walter direkt

Was erlauben Weidmann!

EZB-Präsident Mario Draghi macht die Isolation des Bundesbank-Chefs Jens Weidmann im EZB-Direktorium öffentlich. Das hat es in dieser Form noch nie gegeben - und es ist ein gefährliches Signal.
30 Kommentare
Herbert Walter

Herbert Walter – Der Finanzlotse. Herbert Walter führte von 2003 bis 2009 die Dresdner Bank.

Eigentlich schade, dass italienische Notenbankpräsidenten nicht annähernd so temperamentvoll sind wie italienische Fußballtrainer. Dann nämlich hätte der Präsident der Europäischen Zentralbank, Mario Draghi, auf der Pressekonferenz am vergangenen Donnerstag nicht zurückgerudert, sondern wie weiland Giovanni Trappatoni bei Bayern München eine Wutrede gehalten: Was erlauben Weidmann!

Spaß beiseite: Auf besagter Pressekonferenz musste Draghi sein Ende Juli verkündetes vollmundiges Versprechen korrigieren, ohne wenn und aber alles zu tun, um den Euro zu retten. Das schließt natürlich ein, dass die EZB auch wieder Staatsanleihen der überschuldeten Krisenländer aufkauft. Konkret musste er einräumen: Die EZB werde gerade nicht bedingungslos den Euro retten, sondern sie verlange, dass zunächst einmal die staatlichen Rettungsschirme ihre eigenen Mittel einsetzten, um Turbulenzen an den Finanzmärkten und drastische Zinssteigerungen für Staatsanleihen von Problemländern zu vermeiden. Diese Hilfen gibt es aber nicht ohne harte Bedingungen für die Empfängerländer.

Natürlich war da die Enttäuschung an den Märkten groß. Die Aktienmärkte purzelten, der Kurs des Euros gab nach, die Renditen für spanische und italienische Staatsanleihen stiegen bedrohlich und alle schoben Draghi dafür die Schuld in die Schuhe. Diese Folgen waren absehbar und  der EZB-Präsident wusste das mit Sicherheit schon vor der Pressekonferenz. Wer hat das schon gern?

Doch statt eine Wutrede zu halten,  machte Draghi auf ganz andere Weise seinem Ärger Luft. Zum ersten Mal in der Geschichte der EZB ließ der Präsident vor den versammelten Journalisten durchblicken, dass nur ein Kollege nicht damit einverstanden gewesen sei, bedingungslos den Euro zu retten und ebenso bedingungslos Staatsanleihen der Krisenländer aufzukaufen – Jens Weidmann, der Präsident der Deutschen Bundesbank. Abstimmungsergebnisse des EZB-Direktoriums wurden bislang stets geheim gehalten. Was Draghi damit deutlich machen wollte, war klar. Weidmann, obgleich Repräsentant des größten Anteilseigners der EZB, sei im Direktorium dieser Institution isoliert.

Merkwürdig ist, dass der politisch durchaus versierte Notenbankchef nicht bedacht hat, dass er mit dieser Indiskretion nicht nur Weidmann, sondern auch sich selbst und dem gesamten EZB-Gremium geschadet hat.  Klarer kann man die Politisierung der EZB, die doch eigentlich eher nüchtern und sachlich geldpolitische Entscheidungen im Interesse der Preisniveaustabilität treffen sollte, nicht demonstrieren. Das Motto, wer nicht für meine Politik ist, ist gegen mich, kennt man bislang eher aus anderen Bereichen des öffentlichen Lebens.

Auf dieser Basis kann keine Gemeinschaft funktionieren
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30 Kommentare zu "Walter direkt: Was erlauben Weidmann!"

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  • @batavia
    Super Beitrag! Bleiben Sie dem Blog treu! Danke!
    MfG
    Walter Schmid

  • Steuerschaetzer!

    Die Situation ist/macht traurig, ja. Aber man sollte die Hoffnung auf Aenderung nicht aufgeben.

    Ich habe heute morgen auch einen Film angeschaut. Er ist allerdings sehr lang aber unglaublich informativ.

    Ich werde jetzt im www weiter recherschieren um die dort erlaeuterten Hypothesen zu pruefen.

    http://www.youtube.com/watch?v=BAgtmtMtPJY&feature=related

  • Champus!

    Vielen Dank für die Hinweise. Aber bin jetzt noch deprimierter als vorher. Hatte allerdings vorher schon über die amerikanische Regierung ein Movie gesehen: The inside job. Das war schon die Andeutung und der Hinweis auf die starke Verquickung der Banken mit der Wissenschaft und der Politik (siehe Larry Summer oder Rubin). Und wer das Geld hat, der kauft sich die anderen eben (Politiker und Wissenschaftler) und schafft an. Und das wird dann als Demokratie verkauft. Und unsere Frau "Unabweisbar" rettet in einer Tour die Bankster und Zocker, anstatt diese zur Kasse zu bitten und notfalls Pleite gehen zu lassen. Aber wer ist bei uns nicht schon auch gekauft?

  • ---Q SayTheTruth

    wenn Sie sich mal durch die einschlägigen Informationsquellen durchgearbeitet haben, erkennen Sie schnell, dass fast alle das Handtuch geworfen haben.

    Ihr alle habt mit der Abschlachtung des letzten dt. Demokratie-Helden, Herrn Wulff aufgezeigt, dass ihr unfähig seid für einen Demokratie. Es war einfach nachzulesen, was er in seiner Rede zu Lindau über die Bankster und die Zukunft unserer Enkel gesagt habt. Trotzdem sind fast alle der Stinkespur der BILD gefolgt.

    Ein Volk, was so behämmert ist, muss drastisch an die Kandare genommen werden.

    Und genau das passiert nun. Öffentliche Diffamierung ist an der Tagesordnung, s. Spiegel zu den (angeblichen) EU-Gegnern.
    Diffamierung von Herrn Weidemann, trotz geheimer Wahl.

    Die Zeiten von Hitler und der STASI sind wieder da.

  • @Tacheles
    „Keine Unterstützung von der EZB! Keine Unterstützung von der eigenen Regierung! Da gibt es für Weidmann nur eine Konsequenz…”
    Nein, nicht so schnell. Es geht auch eleganter, es fehlt nur noch eine Monika Lewins.., die sich um eine Praktikantenstelle bei der Deutschen Bundesbank bewirbt.

  • [+++Beitrag wurde von der Redaktion gelöscht+++]

  • @Steuerschaetzer

    "Aber mit Draghi, einem Italiener, der bei Goldman-Sachs dabei war, als sich die Griechen mit deren Hilfe in das Euro-Land..."

    Der „Octopus“ ist auch in anderen Staaten erfolgreich.
    http://www.patriotnewsnetwork.org/2011/05/list-of-goldman-sachs-people-in-obama.html

    http://www.youtube.com/watch?v=eKHKfcT9pCI&feature=relmfu

  • @Steuerschaetzer
    "Aber mit Draghi, einem Italiener, der bei Goldman-Sachs dabei war, als sich die Griechen mit deren Hilfe..."

    Der “Octopus” hat Europa und die EZB fest im Griff.

    http://www.independent.co.uk/news/business/analysis-and-features/what-price-the-new-democracy-goldman-sachs-conquers-europe-6264091.html

  • Frau Merkel will, dass die Souveränitäten der Europa-Völker abgebaut werden gegen den Willen dieser und zwangsweise zentralisiert wird. Es soll ein sogenannter politischer Vereinigungs-Prozess laufen, der die Geld-Macht in Brüssel endgültig für Europa festigt.

    Wir haben doch schon eine DDR 2.0 in Deutschland.
    http://info.kopp-verlag.de/hintergruende/deutschland/christine-ruetlisberger/ddr-2-was-unterscheidet-die-brd-noch-von-der-ddr-.html

  • Wie schon zu Zeiten Herrn Professor Webers vermisse ich auch hier wieder schmerzlich die Unterstützung der dt. Politik gegenüber ihrer Bundesbank. Die Politik von Frau Merkel und – schlimmer noch: Herr Schäuble - wird nicht nur zusehends undemokratischer, indem kritische Stimmen wie die Herrn Bosbachs vom Regierungszirkel kollektiv ignoriert wird, sondern auch noch ständig unvernünftiger. Oder glaubt Angela Merkel wirklich, dass Herr Sinn, Herr Henkel, Herr Weber, Herr Stark, Herr Weidmann alle keinen Plan haben? Nur in Brüssel, da wissen sie bescheid?! Ja, nee, schon klar!
    Ich wünsche Deutschland wirklich, dass uns nicht alle Vernünftigen davon laufen und dass sich entschlossene Mahner wie Herr Sinn und Herr Henkel nicht den Mund verbieten lassen oder sich ob der lautstarken mehrheitlichen Unvernunft entnervt zurückziehen.
    Dass Axel Weber sich aus dem Rennen um die EZB Präsidentschaft zurückgezogen hat (wobei man in den ausländischen Medien im Übrigen nie davon ausgegangen war, er würde es ernsthaft werden können) halte ich im Rückblick für äusserst klug entschieden - obgleich mich damals die Entscheidung sehr traurig und auch ein wenig panisch gemacht hat. Aber bei all der unsachlichen und – sorry für das klare Wort – deutschfeindlichen Stimmung in der EU hätte sich Herr Weber als strukturierter Vernunftmensch und bekennender Undiplomat restlos zum Feindbild gemacht. Wenn man bedenkt, wie patzig Draghi schon von der italienischen Journaille angegriffen wird! Und Fortschritte in der Sache hätte es zudem keine gebracht. Doppelt gut für Herrn Weber, denn sein jetziger Job ist auch noch besser bezahlt!
    Möge Herr Weidmann Deutschland noch lange erhalten bleiben und den Job machen, den ich eigentlich von der Regierung erwartet haben würde: Die Interessen der deutschen Steuerzahler wahren!

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