Zschaber zündelt
Inflation ist (vorerst) kein Thema

Der ehemalige EZB-Chefvolkswirt Jürgen Stark warnt im Handelsblatt-Interview vor Inflation. Doch die Gefahr einer Liquiditätsfalle ist viel größer. Warum uns eher eine Deflation droht.
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Die Weltwirtschaftskrise 2008 / 2009 hatte viele Auslöser und auch viele Folgen. Vorausgegangen war der Krise eine Niedrigzinspolitik der US-Notenbank. Dieses billige Geld führte zu einer Immobilienblase, die im Zuge der sich zuspitzenden Finanzkrise platzte.

Als Reaktion erhöhten die Notenbanken die Geldmengen wie noch nie in der Geschichte. Die Regierungen legten riesige Konjunkturprogramme auf, um den gesamtwirtschaftlichen Folgen entgegenzuwirken. Das trieb die Staatsverschuldung allerdings überproportional in die Höhe. Heute in einer Zeit, in der die Verschuldung immer mehr in den Fokus der Öffentlichkeit kommt und das Thema Sparen die öffentliche Debatte dominiert, wird die Politik gezwungen, nach „Sparmöglichkeiten“ zu suchen.

Wenn ich mir allerdings die jüngsten Maßnahmen der EZB und anderer Notenbanken vor Augen halte, sieht hier der „Schlachtplan“ anders aus. Das Liquiditätsfluten gilt als die neue etablierte Strategie in der Geldpolitik und zwar auf beiden Seiten des Atlantik.

Das Problem hierbei ist, dass die Lehrbücher folgende Grundthesen vermitteln: Druckt die Zentralbank zu viel Geld, droht Inflation. Und wenn sich der Staat zu sehr verschuldet, wird die Wirtschaft leiden. In normalen Konjunkturzyklen gilt diese Annahme mit Sicherheit als richtungweisend. An dieser Stelle möchte ich aber ausdrücklich betonen, dass die Struktur der jüngsten Wirtschaftskrise und deren Wirkungskette keineswegs dem normalen Zyklus entsprechen. Die Frage, die sich also stellt: Ist das oft andiskutierte Inflationsgespenst real?

Ich sehe aktuell eher die Gefahr einer sogenannten Liquiditätsfalle. Das würde bedeuten, dass nicht die Inflation das Thema der Zukunft sein wird, sondern eher die Deflation – also fallende Preise. Zwar sorgt die Geldflut der Notenbanken derzeit dafür, dass Rohstoffpreise liquiditätsgetrieben ansteigen, was wiederum Produktionsprozesse und Güterpreise sowie den allgemeinen Konsum verteuert, allerdings erachte ich dies aus heutiger Sichtweise nicht als nachhaltig. Vor allem da nur extreme Rohstoffpreissteigerungen in kürzeren Zeiträumen wirklich einen konkreten Einfluss auf die allgemeinen Güterpreise nehmen, bzw. wirtschaftlich direkt schädlich wirken. Die Kapazitäten der Industrie sind eng, dass ist sicherlich für Deutschland richtig, allerdings sehe ich noch keinen ansteigenden gesamtwirtschaftlichen Preiseffekt dadurch entstehen.

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Die Realwirtschaft fragt frisches Geld kaum nach

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  • Die Zukunft ist absehbar, wenn Sie sich eine einfache Rechnung aufmachen: Dieses Land hier mit dem Rating Tripple A hat durch seine Art der Haushaltsführung nach den Maßstäben einer "Verteilungsdemokratie" bis jetzt 7 (sieben) Bio. Euro Schulden aufgebaut, davon 5 (fünf) Bio. Euro als nicht bilanzierte Verbindlichkeiten gegenüber den Sozialkassen mit steigender Tendenz bei Fortbestand des Generationen-Vertrages (Pensionen, Renten, Kranken- und Pflegeversicherung). Jetzt kommt hinzu die Unterstützung notleidender EU-Staaten (das ist der weit überwiegende Teil der EU-Länder) in noch völlig unbekannter Höhe, der ESM-Vertrag spricht deshalb von " Mittelbereitstelllung ohne Betrags- Begrenzung".
    Das gesamte inländische Privatvermögen beträgt 10,0 Bio. Euro und befindet sich zu 70% in der Hand der "Reichen" und man hat schon bei der Vermögen-und Erbschaftsteuer-Reform 2009 hinter vorgehaltener Hand gesagt, davon befinde sich nichts mehr im Bereich des europäischen Fiskus. Da kann sich doch jedes Kind ausrechnen, wohin das führt: Direktemang in die Inflation und Währungsreform, das seit den 20er Jahren des 20.Jhd. bewährte Mittel zur Lösung einer politisch verursachten Schuldenkrise.

  • Kann es sein, dass das Geld gar nicht den deutschen Verbraucher erreicht? Die Inflation wird aber kommen, allerdings werden wir das zuerst im Ausland merken, etwa in der Schweiz. Wir haben in den vergangenen 30 Jahren von Lohndifferenzen zu Asien profitiert, was letztlich die gemittelte Preissteigerung begrenzt hat. Diese Differenzen werden geringer werden. Produkte oder Dienstleistungen, die bei uns erbracht werden sind schon längst inflationär teurer geworden, und zwar in anderen Proportionen als die Lohnerhöhungen: Wird bei 4% Forderungen schon der Niedergang gesehen, sind es zB. bei der KFZ Versicherung in 5Jahren schon 80%, beim Ausweis 350% u.u.u.
    Weiter ist ein großer Teil der Zusagen noch nicht im Umlauf. Das wird aber kommen. In Verbindung mit Leben von der Substanz (Infrastruktur, öffentliche Einrichtungen), fehlenden Rücklagen für Atommüllentsorgung, Absaugen gemeinschaftlicher Gelder etwa aus Krankenkassenbeiträgen und der zu erwartenden sozialen Ungleichheit, ist die Zukunft doch relativ leicht vorherzusehen. Die Frage ist eigentlich nur, wie die Machtkämpfe konkret entschieden werden.

  • Wer von der real existierenden Inflation noch nichts bemerkt hat, verdient sein Geld wahrscheinlich beim Staat.
    Velocity of money ist ja super. Schon gelernt? Glückwunsch!

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