Lehman Brothers
Moralischer Bankrott

Es ist nicht schwer zu verstehen, warum Barclays und Nomura den Mitarbeitern der ruinierten Lehman Brothers üppige Boni anbieten – und warum die Mitarbeiter sie haben wollen. Doch dieses Verhalten unterstreicht einmal mehr den moralischen Bankrott der Wall Street.

Eine Bank bricht zusammen. Die Aktionäre werden aufgerieben. Die Gläubiger könnten über 100 Mrd. Dollar verlieren. Die Pleite verursacht eine erneute Vertrauenskrise im gesamten Finanzsystem, so dass es einer Rettung der Branche über möglicherweise 700 Mrd. Dollar bedarf, die vom Geld der Steuerzahler finanziert wird. Die Mitarbeiter der Bank erhalten Bonus-Zahlungen von über 3,5 Mrd. Dollar.

Hallo, ihr da - stopp! Irgendetwas stimmt nicht mit diesem Drehbuch. Wenn man einen Film über die Gier an der Wall Street machen würde, wäre es nicht leicht, sich eine bessere Sequenz auszudenken. Aber hier handelt es sich nicht um Fiktion. Hier geht es um Lehman Brothers.

Wie die Boni, die von Barclays und Nomura angeboten werden, die jeweils die US-Bereiche bzw. das Geschäft in Europa und Asien von Lehman Brothers gekauft haben, im Einzelnen gestaltet sind, ist unklar. Aber Barclays hat dafür bis zu 2,5 Mrd. Dollar beiseite gelegt, und Nomura hat Berichten zufolge allein für die europäischen Mitarbeiter eine Mrd. Dollar bereit gestellt. In beiden Fällen basieren die Bonuszahlungen darauf, was 2007 gezahlt worden war. Außerdem machen, was die Boni für die Topleute in New York angeht, einige wilde Zahlen die Runde.

Man kann sich ja leicht vorstellen, warum die Käufer große Summen bieten, um maßgebliche Manager einzubinden - und warum die Mitarbeiter üppige Boni haben wollen. Sogar zu ein klein wenig Mitleid mit der Belegschaft auf der mittleren Hierarchie-Stufe kann man sich aufraffen. Schließlich waren nicht sie es, die die Bank auf die Klippen gesteuert haben. Und die Mitarbeiter hätten ja auch nicht völlig leer ausgehen müssen. Aber dass man den Bonuszahlungen die Boom-Zahlen des vergangenen Jahres zugrunde legt, sieht völlig daneben aus. Waren diese Summen wirklich nötig, um sich Talente zu sichern, während es doch kaum noch Möglichkeiten gibt, zu anderen Firmen abzuwandern?

Darüber hinaus sind ja auch noch die anderen Aktionäre zu berücksichtigen. Kleinere Boni hätten vielleicht geringere Verluste für die Gläubiger bedeutet. Die Abwickler wären vielleicht in der Lage gewesen, den Käufern ein wenig mehr abzuringen, wenn weniger an die Mitarbeiter fließen würde. Und dann wäre da noch das öffentliche Interesse im Allgemeinen. Zu einer Zeit, zu der sich ein Gegenschlag gegen die Gier der Wall Street formiert, untergräbt diese Verhaltensweise noch stärker die moralische Basis des Finanzkapitalismus.

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