Lehman
Ein zweiter Fall Bear Stearns?

Die US-Investmentbank Lehman Brothers weist eine robustere Bilanz als ihre mittlerweile dahingeschiedene Konkurrentin Bear Stearns auf. Daher sind die Risiken geringer, ins Aus getrieben zu werden. Aber das zählt alles nichts, wenn die Panik den Markt erfasst und Kunden damit anfangen, ihr Geschäft anderen zu übertragen. Eine Analyse.
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Langsam fühlt man sich auf unheimliche Weise an Mitte März erinnert. Eine Investmentbank wird von Gerüchten über Verluste und die Notwendigkeit, mehr Kapital aufzunehmen, in Mitleidenschaft gezogen und ihre Aktien gehen in die Knie. Dieses Mal ist es Lehman Brothers, um die sich das Getuschel auf den Märkten dreht. Aber Lehman Brothers ist nicht Bear Stearns.

Es ist einfach, die üblichen Begründungen hierfür noch einmal herzubeten: ein breiter gestreutes Spektrum an Geschäftsbereichen, ein fähigeres Management, das besser auf die Bewältigung von Krisen eingestellt ist, und sogar erwiesenermaßen die Kompetenz hat, sich in schlechten Zeiten Marktanteile zu sichern. Aber das zählt alles nichts, wenn die Panik den Markt erfasst und Kunden und Gegenparteien damit anfangen, ihr Geschäft anderen zu übertragen.

Lehman kann allerdings mit zwei Dingen aufwarten, die Bear nicht hatte. Zunächst einmal verfügt die Investmentbank über eine bessere Liquidität - mit 40 Mrd. Dollar kann Lehman auf mehr als das Doppelte zurückgreifen als die nun aufgelöste Konkurrentin. Sicher ist dieser Vorrat schnell aufgezehrt, wenn sich die Angst festsetzt. Aber genau da kommt der zweite Vorteil zum Tragen: die Kreditfazilität, die die US-Notenbank nach dem Desaster um Bear Stearns eingeführt hatte und die Investmentbanken, darunter Lehman, offen steht, die als Primärhändler in Staatspapieren agieren.

Lehman betont, dass sie diese Fazilität der Fed seit April nicht mehr in Anspruch genommen hat - und damals auch nur zu einem geringen Ausmaß. Das sollte die Anleger hinsichtlich der Robustheit ihrer Bilanz ein wenig zutraulicher stimmen. Die Kurse der Kreditderivate der Firma zum Handeln von Ausfallrisiken von Krediten und Anleihen scheinen einen relativ zuversichtlichen Standpunkt zu untermauern: Zwar haben sie sich in den letzten Tagen ausgeweitet, aber weder in drastischer Weise noch auf ein solch hohes Niveau wie im März.

Was das Fremdkapital angeht, so scheint Lehman also vorerst einigermaßen solide da zu stehen, anders als Bear Stearns vor ihrem Abgang. Aber auf der Eigenkapitalseite sieht es schon düsterer aus. Lehman könnte im zweiten Quartal aufgrund von Absicherungsstrategien, die nicht gegriffen haben, einen Verlust ausweisen. Wenn dies eintritt, braucht die Firma möglicherweise frisches Kapital.

Wenn die Investmentbank, wie gemunkelt wird, über die Ausgabe von Stammaktien vier Mrd. Dollar einsammelt, entspräche dies einem Viertel ihres gegenwärtigen Marktwerts - das würde eine ziemlich starke Verwässerung für die bestehenden Aktionäre bedeuten. Und längerfristig wird das Unternehmen den Fremdkapitalanteil wahrscheinlich gering halten müssen. Zusammen mit geringeren Einnahmen im Investment Banking könnte dies die Gewinne für eine gute Weile am Boden halten.

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