Lehman
Festung oder Ruine?

Für eine Bank, die lange ihr Können im Risiko-Management propagiert hat, ist es recht peinlich, 2,8 Mrd. Dollar zu verlieren. Wenigstens verfügt Lehman Brothers jetzt über eine noch bessere Kapital- und Liquiditätsposition als zuvor. Aber diese Stärken werden kaum etwas nützen, wenn die Investmentbank nicht auch noch einen ordentlichen Gewinn vorweisen kann.

Es ist ja nichts Ungewöhnliches mehr, wenn Finanzinstitute Quartalsverluste über mehrere Milliarden Dollar veröffentlichen. Eine Handvoll Banken hat sich dies jüngst regelrecht zur Gewohnheit gemacht. Daher könnte es ein klein wenig hart erscheinen, wenn man Lehman Brothers dafür ins Gebet nimmt, dass die Investmentbank zum ersten Mal in die Verlustzone gestolpert ist. Aber der geschätzte Fehlbetrag der Wall Street-Firma über 2,8 Mrd. Dollar für die drei Monate zum Mai-Ultimo ist recht peinlich, wenn man bedenkt, wie sehr die Bank immer ihr Können im Risiko-Management gerühmt hat.

Zugegeben, es war ein ruppiges Quartal. Carlyle Capital, Peloton Partners und Bear Stearns - alle sind sie ins Schleudern geraten. Aber wenn Konkurrenten wie Sachs und Morgan Stanley nicht auch über ähnliche Probleme mit ihren Hypotheken-Beständen und fehlgeschlagenen Absicherungsstrategien berichten, dann steht Lehman äußerst exponiert da.

Die gute Nachricht ist, dass die Investmentbank jetzt über Liquidität in Höhe von 45 Mrd. Dollar verfügt, dass sie sämtliche ungesicherten Finanzierungen beisammen hat, die sie ihrer Einschätzung nach in diesem Jahr noch braucht und dass sie jetzt, nachdem am Montag Kapital über weitere sechs Mrd. Dollar beschafft worden ist, einen niedrigen Nettoverschuldungsgrad von etwa dem Zehnfachen des Eigenkapitals vorweisen kann. Darüber hinaus hat Lehman Hypotheken-Vermögenswerte über rund 30 Mrd. Dollar an hunderte verschiedene Investoren verkauft. Das sollte die Preisfindung transparent genug gestaltet haben, um die Investoren davon zu überzeugen, dass die restlichen Bestände der Firma angemessen bewertet sind.

In einer anderen Zeit - sagen wir, vor sechs Monaten - hätte sich Lehman nun der Schlagworte von Jamie Dimon, dem Chef von JPMorgan, bedienen können, eine Festung als Bilanz zu haben. Zusammen mit der Möglichkeit, sich an dem Finanzierungsfenster der Fed bedienen zu können, sollten sich jetzt alle immer noch vorhandenen Bedenken zerstreuen lassen, die Investmentbank sei nur eine weitere Bear Stearns, die vor dem Kollaps stünde.

Aber dies haben die Aktionäre alles schon zur Genüge gehört. Und trotz gegenteiliger Beweise sind einige vielleicht immer noch nicht restlos überzeugt. Deshalb muss Lehman weitere umfangreiche Abschreibungen und Abweichungen durch nicht funktionierende Absicherungsstrategien vermeiden - und die Bank muss vor allem genug Ertragskraft an den Tag legen, um selbst in kniffligen Märkten wieder einen Gewinn zu schreiben. Die Manager von Lehman scheinen der Überzeugung zu sein, dass ihnen dies gelingen wird. Der Finanzvorstand der Bank, Erin Callan, behauptete, das gerade gesammelte Kapital sei nicht für die Stützung der Bilanz bestimmt, sondern dafür, sich nach lukrativen Geschäftsmöglichkeiten umsehen zu können. Die Aktionäre werden genau hinsehen, ob die Investmentbank dies umsetzen kann - ohne zu viel aus den Schutzmauern heraus zu brechen, die die Firma gerade errichtet hat.

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