Lehman
In der Sackgasse?

Lehman Brothers bräuchte dringend einen Deal zur Kapitalerhöhung. Die Einbußen um fast 45 Prozent, die die Aktie der Wall Street-Firma am Dienstag verbuchte, lassen allerdings darauf schließen, dass die Geduld der Investoren nicht mehr lange reicht. Bankchef Dick Fuld gehen die Mittel aus, die Unabhängigkeit der Firma zu wahren.

Lehman Brothers bräuchte dringend einen Deal zur Kapitalerhöhung, bevor die Investmentbank ihre Ergebnisse vorlegt. Die Einbußen der Aktie am Dienstag - gegenüber dem Schlusskurs von Montag verloren die Titel um mehr als 40 Prozent - legen allerdings nahe, dass die Geduld der Investoren nicht einmal mehr so lange reicht. Lehman sollte zwar nicht gleich Gefahr laufen unterzugehen. Aber dem Chief Executive Dick Fuld dürften die Möglichkeiten ausgehen, die Unabhängigkeit der Wall Street-Firma zu wahren.

In den vergangenen Monaten hat sich Fuld in Deckung begeben, um die Optionen für das Unternehmen auszuloten. Was dabei diskutiert wurde, ist zum Teil in epischer Breite durchgesickert. Dazu kommt, dass der Markt nervös ist und die Investoren überzeugt sind, dass Lehman in Zugzwang ist. Fuld würde daher eine noch schlimmere Kernschmelze des Aktienkurses riskieren, wenn er bei der Vorlage der Quartalsergebnisse nichts Konkretes vorzuweisen hat.

Aber in der verbleibenden Zeit einen Deal einzufädeln, sieht immer schwieriger aus. Beobachter gehen davon aus, dass die Firma erneut über einen Rückschlag bei ihren Engagements auf dem US-Immobilienmarkt berichten wird. Zudem dürfte sie sich von einigen verbleibenden riskanten Vermögenswerten trennen wollen. Die Bank wird mehr Kapital benötigen, entweder um die Lücke zu stopfen oder um die "Bad Bank" zu finanzieren, die Lehman an ihre Aktionäre ausgliedern will.

Kapital kann möglicherweise nur durch neue Investitionen in die Bank oder aus dem Verkauf der Asset Management-Tochter, darunter Neuberger Berman, kommen. Da sich der Aktienkurs der Firma unstet entwickelt, erscheint es sehr knifflig, Ersteres durchzuziehen. Ein Verkauf bleibt eine Möglichkeit, aber er könnte nicht genug einbringen, besonders da sich die Verhandlungsposition von Fuld ständig verschlechtert.

Der Kurseinbruch vom Dienstag macht den Drahtseilakt noch schwieriger. Um der Unsicherheit ein Ende zu bereiten, sollte es sich Lehman vielleicht überlegen, die Quartalsergebnisse viel früher zu veröffentlichen. Aber wenn die Investmentbank keinen Deal ankündigen kann, hilft das möglicherweise auch nicht weiter - und könnte sich gar als kontraproduktiv erweisen.

Trotz alledem sollte es sich hierbei nicht um eine mit Bear Stearns vergleichbare Situation handeln. Bis jetzt ist kaum die Rede davon, dass Lehman die Kunden davonlaufen. Von entscheidender Bedeutung ist zudem, dass die Kreditfazilität der US-Notenbank Federal Reserve für die Wertpapierhäuser, die im März nach der Rettung von Bear Stearns eingerichtet worden war, für die Wall Street-Firma als Finanzierungsquelle in der Not zur Verfügung steht.

Allerdings erscheint es immer unwahrscheinlicher, dass Fuld in der Lage sein wird, das von ihm angestrebte Kunststück zeitlich aufeinander abgestimmter Deals zu vollbringen. Wenn es ihm nicht gelingt, könnte die einzig verbleibende Option darin bestehen, die 158 Jahre alte Firma in ihrer Gesamtheit zu einem schmerzhaften Schleuderpreis zu verkaufen. Vielleicht an eine der wenigen Banken, die noch Kapital übrig hat - wie etwa die Bank of America.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%