Liquide Märkte
Gaspreis koppelt sich vom Öl ab

Die Preise für Erdgas sanken in diesem Jahr um 40 Prozent, während Rohöl zulegte. Der Winter sollte für eine Annäherung dieser Kluft sorgen. Doch die Abkopplung spiegelt einen anhaltenden technologischen Wandel wider. Größere Preisschwankungen für Russland und Algerien dürften das wahrscheinliche Ergebnis dieser Entwicklung sein.
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Früher war es so einfach für die Erdgasproduzenten. Die Kunden brannten darauf, sich langfristige Kontrakte zu sichern. Die Pipelines - in die die Käufer zusammen mit den Förderländern investierten - stellten den einzigen Transportweg für Erdgas dar. Die Mengen waren weit im Voraus bekannt, wobei sich die Preise am Rohölkurs ausrichteten. Und abgesehen von gelegentlichen Unruhen im Nahen Osten und in Zentralasien oder dem traditionellen Streit zwischen der Ukraine und Russland im Winter, war Stabilität die Norm.

Das war einmal. Ein Spotmarkt für Erdgas ist entstanden. Er verdeutlicht die Auffächerung der Produzenten und den zunehmenden Handel mit Flüssigerdgas - das in Tankern transportiert werden kann anstatt durch Pipelines geleitet zu werden. Anders als der Kontraktkurs ist der Erdgas-Kassakurs der Entwicklung bei Rohöl nicht gefolgt. Seit Anfang des Jahres sind die Gaspreise um vierzig Prozent gesunken, während Rohöl um fast 50 Prozent vorgerückt ist.

Der derzeitige Baisse-Markt bei Gas dürfte nicht von Dauer sein. Der Winter naht und bringt eine erhöhte Nachfrage mit sich. Und die Rekordtiefstpreise könnten dazu führen, dass auf neueren und relativ kostspieligen Feldern die Förderung gekürzt wird.

Aber die umfangreiche und unerwartete Abkopplung der beiden Bereiche wirft eine ernste Frage auf - selbst für europäische Käufer, die sich fast ausschließlich auf traditionelle, langfristige Gasverträge mit Förderern aus Russland, Algerien und dem Nahen und Mittleren Osten verlassen: Wird der Preis einer British Thermal Unit an Gas weiterhin im Einklang mit dem Preis für ein Barrel Rohöl schwanken?

Erdöl- und Erdgasanalysten sind sich nicht einig, ob die Abkopplung Bestand haben wird. Diejenigen, die davon ausgehen, argumentieren, dass die beiden Energiequellen nicht immer gegeneinander ausgetauscht werden können. Da sich die Technologie weiterentwickelt und Flüssigerdgas sich einen größeren Marktanteil sichert, könnte die Kluft dauerhaft bestehen bleiben.

Zumindest dürften Russland und andere Großproduzenten mit Kunden konfrontiert werden, die sich von einer strikten Ölbindung loseisen wollen. In Europa dürfte dies wohl einige Jahre in Anspruch nehmen, denn die eingefleischte Kultur der Staatsmonopole lässt sich bequem mit dem derzeitigen Arrangement vereinbaren. Doch ab einem gewissen Zeitpunkt wird ein volatilerer Markt das Ende der vorhersagbaren Harmonie ankündigen - und den von Rohstoffen abhängigen Volkswirtschaften eine weitere Quelle der Unsicherheit bescheren.

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