Liquiditätsrisiken
Ebbe und Flut

Christopher Cox, der Chairman der US-Börsenaufsicht SEC, ist zu Recht besorgt. Er fürchtet, dass die Wertpapierhäuser, die unter seiner Aufsicht stehen, von Liquiditätskrisen verwüstet werden könnten – so wie Bear Stearns. Er hält es für sinnvoll, noch einmal zu überdenken, wie die Aufsichtsbehörden mit dem Risiko umgehen, dass den Firmen der Zugang zur überlebenswichtigen täglichen Liquidität versperrt wird. Dabei denkt Cox eventuell sogar daran, die Eigenkapitalrichtlinien auszuweiten, um explizit diese Gefahr anzugehen. Unglücklicherweise wird dies in der Praxis wohl kaum funktionieren.

Es klingt ja vernünftig. Die Bankenaufseher haben die Richtlinien für das Kapital schon ausgebaut, das die Banken zur Seite legen, um eine immer größer werdende Vielfalt an Gefahren abzudecken. Ursprünglich hatten sie von den Banken gefordert, die Kapitalrücklagen am Umfang ihrer Kreditrisiken auszurichten. Dann kamen die Risiken im Zusammenhang mit den Marktkursen hinzu. Die jüngste Richtlinienversion beinhaltete dann zudem operative Risiken: die Möglichkeit von Verlusten aufgrund von menschlichem oder logistischem Versagen.

Warum sollten sie jetzt nicht auch noch die Liquiditätsrisiken festzurren und von den Firmen verlangen, dass sie frisches Kapital sammeln, wenn ihre Gegenparteien und Kapitalgeber bei Geschäften mit ihnen nervös werden.

Ein Problem dabei ist, dass Liquidität im Handumdrehen verdunsten kann. In seiner Anhörung vor dem US-Kongress hatte Cox am Donnerstag dargelegt, dass der Liquiditätspool von Bear innerhalb eines einzigen Tages von über zwölf Mrd. Dollar auf zwei Mrd. Dollar geschrumpft war. Um an neues Kapital zu kommen, benötigt man üblicherweise Wochen oder gar Monate.

Und wenn man Firmen zu einer Kapitalerhöhung zwingt, könnte dies Alarm auslösen und so die Krise beschleunigen – selbst wenn ein Unternehmen mitten in einer Liquiditätsklemme überhaupt in der Lage wäre, die Investoren davon zu überzeugen, frisches Geld bereitzustellen.

Die Firmen könnten vielleicht versuchen, Kapitalfazilitäten für Eventualfälle einzurichten, bevor es zur Katastrophe kommt. Auf diese könnten sie dann im Notfall zugreifen. Aber das wäre teuer und würde an die Gewinne gehen, oder sie vielleicht gleich ganz vernichten.

Cox und seine Kollegen bei der US-Notenbank Fed und beim US-Finanzministerium würden es eindeutig vorziehen, wenn sie es vermeiden könnten, Abwehrmaßnahmen wie die zur Rettung von Bear zusammenschustern zu müssen. Aber Firmen zu zwingen, frisches Kapital zusammeln, während sich gleichzeitig ihre Liquidität verringert, ist praktisch nicht umzusetzen. Das Gefühl, das einen Run auf eine Bank auslösen kann, ist viel zu unberechenbar, als dass man es mit dem stumpfen Instrument aufsichtsrechtlich vorgeschriebener Kapitalrichtlinien in Schach halten könnte.

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