Lloyds und Scottish Widow
Witwe sucht Partner

Für die Lloyds Banking Group entbehrt es jedweder strategischer und finanzieller Logik, unverbrüchlich an Scottish Widows festzuhalten. Doch der Zeitpunkt für einen Verkauf des gesamten Geschäfts ist denkbar schlecht. Ein Teilbörsengang läge nahe - wenn sich denn die Märkte sich behaupten können.
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Scottish Widows ist ein integraler Bestandteil der Lloyds Banking Group. An dieser Aussage hat der Chef der britischen Bank, Eric Daniels, immer festgehalten. Daniels kann sich darauf berufen, dass sein Engagement für die Lebensversicherungssparte mit Trophäenstatus durch die Finanzkrise rechtfertigt wurde. Scottish Widows ist eine starke Marke und hat stetige Erträge geliefert, während der Rest der Bank herbe Verluste verbuchte. Doch angeblich rückt das Lloyds-Management jetzt von seiner unverbrüchlichen Haltung ab.

Eine Änderung der Taktik bei Scottish Widows erscheint angemessen. Für die langfristige Strategie der Bank ist es nicht entscheidend, das Versicherungsgeschäft zu hundert Prozent ihr eigen zu nennen. Die Vorteile der Bancassurance, bei der das Privatkundengeschäft als Vertriebskanal für Versicherungen und Altersvorsorgepläne genutzt wird, können genau so gut durch Zusammenschlüsse und Gemeinschaftsunternehmen mit Versicherungsgesellschaften erreicht werden.

Zudem nähert sich der finanzielle Nutzen der Bancassurance seinem Ende. Bis 2012 werden die Akteure neuen Basel II-Regeln unterworfen. Ab diesem Zeitpunkt ist es nicht mehr zulässig, ihre Versicherungsvermögenswerte als Tier 1-Kapital doppelt zu zählen. Die möglichen Folgen dieser Vorschriften werden unterschiedlich interpretiert. Für die Kapitalbasis von Lloyds könnte sich daraus allerdings eine Verringerung um bis zu 4,2 Mrd. Pfund Sterling ergeben. Dieser Betrag entspricht dem zuletzt ausgewiesenen "Embedded Value" von Scottish Widows, einem Branchenmaßstab für den Barwert künftiger Cash Flows aus den Policen. Lloyds könnte ihre Kapitalposition stärken, wenn die Bank die Sparte zum Embedded Value in bar verkauft.

Die Schwierigkeit liegt in der Wahl des richtigen Zeitpunkts. Die Aktienmärkte haben sich zwar von ihren Tiefständen erholt, doch bei Vermögenswerten im Finanzbereich haben immer noch die Käufer das Sagen. Und es gibt nur wenige Versicherungsgesellschaften, die sich momentan einen solchen Abschluss in bar leisten könnten. Die in Großbritannien notierte Resolution könnte Interesse haben. Das Unternehmen hat gerade Friends Provident zu einem Abschlag um 31 Prozent gegenüber dem Embedded Value gekauft, wobei Friends als Vermögenswert geringerer Qualität gilt. Resolution müsste die Bezahlung allerdings in Form von Aktien leisten, es sei denn, die Firma nähme eine gigantische Bezugrechtsemission vor.

Doch es gibt Alternativen zu einem Komplettverkauf. Eine mögliche Option wäre es, eine Minderheitsbeteiligung am Markt anzubieten, vorausgesetzt die Transaktion könnte zum Embedded Value über die Bühne gehen. Die dadurch erzielte größere Klarheit und Transparenz könnte dazu führen, dass die Geschäfte getrennt mehr wert sind als im Verbund. Die Rechnungslegung im Versicherungsbereich ist selbst für Branchenexperten schwer genug zu durchschauen; Bankenanalysten und Investoren würden es deshalb sicher begrüßen, eine fokussiertere Bankengruppe vorzufinden.

Auch die europäische Branchenaufsicht, die auf eine Schrumpfung von Lloyds aus ist, dürfte einen solchen Schritt befürworten. Und wenn sich die Märkte weiter erholen, könnte die Bank den Rest der Versicherungssparte entweder am Markt oder an einen Brancheninvestor verkaufen. Lloyds-Chef Daniels sollte sich darauf einstellen, bald seinen Standpunkt zu ändern.

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