LSE/Lehman
Kopfüber ins Dunkel

Die Londoner Börse und Lehman Brothers wagen einen späten Sprung in den außerbörslichen „Dark Liquidity Pool“. Aber der Wettbewerb beim Platzieren großer Order, die nicht öffentlich angezeigt werden müssen, ist intensiv. Gewinne könnten daher nur schwer zu erzielen sein.

Die Investoren, die darauf gewartet haben, dass die London Stock Exchange (LSE) ein Kaninchen aus ihrem Hut zaubert, sind wieder einmal enttäuscht worden. Sie haben auf die Bekanntgabe der Gründung einer gemeinsamen alternativen Handelsplattform der Londoner Börse und der US-Investmentbank Lehman Brothers mit Abschlägen beim LSE-Kurs um zwölf Prozent reagiert. Das Joint Venture, das nach dem Baikal-See benannt ist, soll es Profi-Investoren ermöglichen, "dark liquidity", also große Aktienblöcke außerhalb eines öffentlichen Orderbuchs, zu handeln. Die größte Sorge der Anleger gilt der harten Konkurrenz, unter der Baikal sehr schnell leiden könnte.

Eigentlich ist Baikal so weit ein cleveres Vorhaben. Nicht öffentlich angezeigte "dark liquidity"-Transaktionen sind auf dem Vormarsch. Auf sie entfällt momentan rund ein Fünftel des Aktienhandelvolumens, was sich in den kommenden zehn Jahren bis auf die Hälfte ausweiten könnte. Institutionelle Investoren auf der Käuferseite wollen eine Handelsplattform, die enge Spreads bietet, sie wollen davor geschützt werden, dass Handelsteilnehmer wie etwa Arbitrageure ihnen auf die Schliche kommen, und sie wollen Zugang zu tiefen Liquiditätspools.

Diesen Anforderungen scheint Baikal zu genügen. Es führt eine neutrale, unabhängige, regulierte Börse - die LSE - mit dem größten Aktienhändler Europas - Lehman - zusammen. Der neue Dienst soll im ersten Quartal des kommenden Jahres starten und auf einer neuen Plattform laufen, die die Technologie der LSE mit der von Lehman vereint, im Besonderen den ausgeklügelten algorithmischen Handel von Lehman, bei dem Computerprogramme die Aufgaben eines Händlers übernehmen.

Ein Spaziergang wird es dennoch nicht. Andere Projekte könnten umgesetzt werden, bevor Baikal den Betrieb aufnimmt, andere werden ihm bald folgen. Turquoise, die Initiative von neun Investmentbanken, soll im September an den Start gehen. Und auch Chi-X, das bereits Lücken in das öffentliche Aktienorderbuch der LSE gerissen hat, weist "Dark Liquidity"-Transaktionen vor. Andere europäische Börsen arbeiten ebenfalls an außerbörslichen Handelsplätzen für Profi-Investoren.

Baikal setzt darauf, die effizientesten Handelsabschlüsse zu bieten - was im Grunde die engsten Spannen zwischen Geld- und Briefkurs bedeutet. Aber einen Wettbewerbsvorteil zu behalten - und solide Gewinne einzustreichen -, ist schwer. Das Joint Venture geht zudem an einem der Kernprobleme der LSE vorbei: Die Erosion ihres öffentlichen Aktienorderbuchs durch Konkurrenten wie Chi-X und PLUS Markets. Der Name Baikal wurde wegen der enormen Tiefe und Ausdehnung des Sees gewählt. Man sollte dabei aber nicht vergessen, dass das Gewässer auch sehr kalt ist und zunehmend unter Verschmutzung leidet.

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