Märkte
Beunruhigende Risse

Anfang letzter Woche schien die im August entstandene Panik an den Märkten abzuklingen. Mindestens die Hälfte des finanziellen Schadens war wieder gut gemacht worden und die Ankündigung eines Auffangfonds versprach Rettung. Aber schlechte US-Konjunkturdaten und erneute Unsicherheiten am Geldmarkt haben sich als übermächtig erwiesen. Die Angst kriecht wieder heran.

Die Märkte hatten in der vergangenen Woche versucht, sich zu beruhigen. Ohne Erfolg. Es könnte sein, dass die zugrunde liegenden Probleme einfach zu groß sind.

Erst am letzten Mittwoch hatte es noch so ausgesehen, als würde die Anfang August entstandene Panik jetzt abklingen. Die Wertpapiermärkte flirteten wieder mit Rekordhochs. Mehr als zwei Drittel der Riskioaversion hatte sich umgekehrt, wie man an einem entsprechenden, von SocGen entwickelten Index ablesen konnte. Zwar waren die Commercial Paper-Märkte immer noch fast erstarrt, aber die Rettung in Form eines von der US-Regierung unterstützten Super-Auffangfonds über 75 Mrd. Dollar schien zu nahen.

Aber dann bekamen die Nachrichten einen schlechten Beigeschmack. Der Super-Fonds erwies sich bei näherem Betrachten als Super-Sieb: voller Löcher. Rohöl kletterte auf 90 Dollar je Barrel - zu hoch, um sich zu entspannen. Caterpillar und Wachovia prognostizierten beide, dass die Geschäftsbedingungen in den USA schlecht bleiben werden. Die Finanzminister der sieben führenden Industrieländer (G-7) hatten nichts Überzeugenderes bieten, als über die Währungen und Märkte die Hände zu ringen.

So sind die weltweiten Aktienmärkte und der Dollar bis zum Montag wieder gefallen. Das jüngst verstummte Gerede über eine Teuerung in den USA ist wieder zu hören. Hier und da flackern zwar einige Signale für Risikofreude auf - besonders bemerkenswert ist dabei das teure, eigenkapitalfinanzierte Gebot für die britische Brauerei Scottish & Newcastle -, aber insgesamt schleicht sich die Angst wieder heran.

Wie lange wird es dauern, bis die Märkte ihre Selbstsicherheit wiedergewinnen? Das hängt davon ab, ob die Herausforderungen vorwiegend finanzieller oder wirtschaftlicher Art sind.

Wenn es um finanzielle Fragen geht, dann sollte die Lösung bald gefunden sein. Schließlich stellt der Markt für forderungsbesicherte Commercial Paper - die Quelle des plötzlichen Liquiditätsstaus des Marktes - nur ein 100 Milliarden Dollar-Problem dar, das ist eine kleine, lokal begrenzte Schwierigkeit innerhalb der weltweiten Wirtschaft mit einem Volumen von 50 Billionen Dollar. Wenn die Banken erst einmal die Preise nach unten korrigiert und ihre Verluste verbucht haben, dürfte das stetige globale Wachstum die Märkte wieder auf recht starkem Niveau halten.

Aber vielleicht deutet die Krise auf dem Markt für US-Hypothekendarlehen zweitklassiger Bonität auf etwas Ernsteres hin. Schließlich war der US-Immobilienboom Teil eines großen globalen Ungleichgewichts: Die Übertreibungen der US-Verbraucher passten zu der Bereitschaft der US-Handelsgläubiger, auf Dollar lautende Schuldtitel mit niedriger Rendite zu kaufen. Die Risse auf den Kreditmärkten könnten durch eine tektonische Verschiebung in dieser Beziehung verursacht worden sein. Wenn dem so ist, dann sind weitere finanzielle Erdbeben fast unausweichlich.

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