Märkte
Das größere Bild

Europäische Bankaktien gaben am Donnerstag nach, weil Investoren durch die moderate Verschärfung der Kreditvergabebedingungen, die den Banken von der EZB auferlegt wurde, in helle Aufregung versetzt wurden. Unter übertriebenem Druck stehen auch der koreanische Won und der Rubel. Aber solche Überreaktionen lassen sich während der Bereinigung der globalen Kreditkrise nicht vermeiden. Nur: Sie machen die Situation schlimmer.

"Das ist lächerlich. Die Märkte haben alles in den falschen Hals gekriegt." So oder ähnlich müssen die wirtschaftspolitischen Strategen in Frankfurt, Seoul und Moskau über die Reaktion der Anleger denken. Das harte Urteil ist nicht unberechtigt. Aber auch wenn die furchtsamen Investoren nicht alle Details richtig verstanden haben, das größere Bild haben sie sehr wohl erfasst.

Der Dow Jones Eurostoxx Bankenindex fiel am Donnerstag um 3,4 Prozent. Händler machten dafür die strengeren Kreditvergaberegeln der EZB verantwortlich, nach denen Banken in Zukunft höhere Sicherheiten bei der Zentralbank hinterlegen müssen. Aber die Frankfurter Regulierer wollen dem Bankensystem keine allzu großen Bauchschmerzen bereiten. Nach Schätzungen der Société Générale werden durch die neuen Regeln zusätzliche Kosten in Höhe von 675 Millionen Euro entstehen. Das sind wahrlich keine Summen, um in Panik zu geraten, wenn man an die rund 200 Milliarden Euro denkt, die die Branche noch aus Verlusten im Zusammenhang mit der US-Immobilienkrise verarbeiten muss.

Der koreanische Won verlor innerhalb einer Woche 6 Prozent gegenüber dem Dollar, obwohl die Regierung am Markt intervenierte. Ok, das Land sieht sich zum ersten Mal seit zehn Jahren wieder einem Leistungsbilanzdefizit gegenüber. Aber die offiziellen Währungsreserven belaufen sich auf fast 250 Milliarden Dollar, betragen also mehr als das 20-fache des in diesem Jahr erwarteten Defizits. Dass es zu einem Kollaps wie im Jahr 1997 kommen könnte, ist daher mehr als unwahrscheinlich.

Russlands Umgang mit seinen internationalen Beziehungen ist beunruhigend. Ein gegenüber dem Dollar um drei Prozent schwächerer Rubel als noch zwei Tage zuvor, ist daher nachvollziehbar. Aber die Wahrscheinlichkeit eines Boykotts der russischen Öl- und Gasexporte ist gleich Null. Sie werden nach Schätzungen von Goldman Sachs in diesem Jahr einen Handelsüberschuss von 185 Milliarden Dollar einbringen. Und Moskau hat in seiner Fremdwährungsbörse 600 Milliarden Dollar, mit denen es spielen kann. Diese Marktbewegungen zeigen also tatsächlich eine Überreaktion der Anleger. Aber der Blick der Investoren kann sich schon manchmal etwas eintrüben, wenn die Furcht die Oberhand über die Gier gewinnt. Und die Befürchtungen sind absolut rational. Seit über einem Jahr versuchen die globalen Banken inzwischen die Schuldenexzesse in den Griff zu bekommen und ihre Bilanzen zu entlasten.

Der Prozess ist längst noch nicht abgeschlossen. Er verringert in nahezu allen Volkswirtschaften die Wachstumsraten. Die wirtschaftliche Schwäche erhöht aber das Risiko von Kreditausfällen, wodurch der Entschuldungsprozess noch schmerzhafter wird. In ruhigeren Zeiten werden unbegründete Panikattacken in bestimmten Marktnischen schnell durch Investoren beruhigt , die auf der Suche nach unterbewerteten Aktien sind. Jetzt aber gibt es nur wenige Freiwillige, die bereit sind, sich der Stampede in den Weg zu stellen. Und bei den Anlegern wächst die Furcht, wenn sie sehen, wie schnell die Preise auch ohne guten Grund fallen können.

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