Märkte: Günstig könnte billig werden

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Günstig könnte billig werden

Schon vor den globalen Einbrüchen dieser Woche sahen Aktien nach den meisten Maßstäben günstig aus. Für Anleger ist das im derzeitigen Umfeld aber nur ein schwacher Trost. Angesichts der großen Unsicherheit über den Zustand der US-Wirtschaft, den künftigen Kurs der Notenbankpolitik und dem Ausblick für die Unternehmensgewinne stehen die Chancen gut, dass Aktien sogar noch billiger werden.

Nach den Verlusten von rund sieben Prozent am Montag notieren die europäischen Märkte nun um 18 Prozent unter ihren Höchstständen vom Oktober letzten Jahres. Der Investmentbank Lehman Brothers zufolge ist das die sechstgrößte europäische Marktkorrektur seit 1969, auf annualisierter Basis wurde die Fallgeschwindigkeit sogar nur einmal übertroffen – im Jahr 1998. Die US-Märkte waren gestern geschlossen, so dass ihnen das Gemetzel zunächst erspart blieb. Der S&P-500-Index notierte aber ohnehin schon um 14 Prozent unter seinem Höchststand, und am heutigen Dienstag startete der Index wieder im Minus.

Auf diesem Niveau sehen Aktien natürlich günstig aus – wenn man aktuellen Gewinnschätzungen glaubt. Das globale Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) liegt jetzt Schätzungen von Lehman Brothers zufolge unter zwölf, etwa acht Prozent unter dem letzten Tiefstand von 1990. Auch der Abstand zwischen der Dividendenrendite von Aktien und den Renditen langfristiger Staatsanleihen ist auf den höchsten Stand seit 30 Jahren gestiegen.

Der Haken an der Sache ist, dass die Märkte einfach kein Vertrauen in Gewinnschätzungen mehr haben. Analysten haben schon immer dabei versagt, Wendungen im Gewinnzyklus auszumachen. Derzeit tut sich eine große Lücke auf zwischen den von Ökonomen erstellten Gewinnschätzungen auf makroökonomischer Basis und den von Sektorenanalysten erstellen Gewinnschätzungen, die auf der Analyse von Unternehmensdaten beruhen.

Aktuell preist der Markt einen Gewinnrückgang von 25 Prozent in Europa ein. Käme es dazu, würde sich das KGV wieder bei seinem langfristigen Durchschnitt von 14 einpendeln. US-Aktien scheinen auf gleicher Basis einen ähnlichen Gewinnrückgang einzupreisen.

Dies sind viel größere Rückgänge als von Analysten derzeit vorhergesagt. Auch aus historischer Perspektive sind diese Gewinnverschlechterungen groß, nur zwischen 1989 und 1993 wurden in Europa, 2001 bis 2003 in den USA größere Abstände zwischen Hoch- und Tiefständen gemessen. Sogar dies kann aber derzeit Anlegern wenig Mut machen, denn es ist zu viel Unsicherheit im Markt, um einen Boden für die Bewertungen zu bilden.

Je länger die Aktienbaisse anhält, umso größer ist zudem die Chance, dass sie sich selber nährt. Große Verluste beeinträchtigen das Verbrauchervertrauen, und Firmen könnten angesichts höherer Kapitalkosten Investitionsentscheidungen verschieben. Noch ist es also nicht an der Zeit, auf die Schnäppchenjagd zu gehen.

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