Marchionnes Jumbo-Autoprojekt steckt voller Risiken
Fiats Autoprojekt steckt voller Risiken

Die Vision des Fiat-Chefs, aus dem Scherbenhaufen von Opel und Chrysler einen führenden transkontinentalen Autokonzern entspringen zu lassen, klingt – zumindest theoretisch – verlockend. Allerdings müssen noch viele Hürden genommen werden, um aus den hochomplexen Plänen ein erfolgreiches Projekt zu machen. Und: Die Risiken sind gewaltig.
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Sergio Marchionne fehlt es nicht an Visionen oder Chuzpe. Nur wenige Tage nachdem es ihm gelang, sich 20 Prozent an Chrysler zu sichern, sprach der Fiat-Chef in Berlin vor, um für seine Pläne zu werben, Opel zu übernehmen. Seine Initiative ist lobenswert. Aber sein Appetit sollte gezügelt werden.

Schon lange vertritt der Fiat-CEO die Meinung, dass sein Unternehmen - wie die meisten anderen europäischen Autobauer - zu klein sei, um im globalen Wettbewerb zu bestehen. Sie seien auch weit davon entfernt, die Produktionsschwelle von 5,5 Millionen Autos pro Jahr zu erreichen, die er für notwendig hält, um wirkliche Größenvorteile zu erwirtschaften. Die Rezession eröffnet ihm nun die einzigartige Möglichkeit, entscheidende Akquisitionen zu tätigen, ohne dafür Geld ausgeben zu müssen, das er ohnehin nicht hat. Auf dem Papier wirkt die Opel-Übernahme ganz plausibel. Fiat wird größer, kann Zulieferer zu spürbaren Preissenkungen zwingen und seine kleinen, sparsamen Autos von Düsseldorf bis Detroit bauen.

Die Risiken sind allerdings gewaltig. Erstens das Risiko Deutschland. Opel ist inzwischen zu einem tragenden Thema des deutschen Wahlkampfs geworden, in dem sich die beiden Regierungsflügel Gefechte über die richtige Arbeitsmarktpolitik liefern. Unter den Opel-Gewerkschaften gilt Fiat schon lange als die schlechteste Käufervariante, weil die Italiener die wenigsten Skrupel haben, Fabriken zu schließen und Arbeitskräfte zu entlassen. Marchionne muss sich also kompromissbereit zeigen. So kam von ihm auch schon die Zusage, keine Produktionsstätten zu schließen und er versprach, dass mögliche Stellenkürzungen nicht allein zu Lasten der deutschen Arbeitnehmer gehen werden. Aber die Zugeständnisse, die er machen muss, werden die potenziellen Vorteile des Zusammenschlusses schmälern.

Ein weiteres Risiko liegt darin, dass GM oder Chrysler gegen den Deal opponieren könnten: GM, weil es sein könnte, dass die Erfahrungen der deutschen Tochter mit kleinen, sparsamen Autos auf die eine oder andere Weise Chrysler zugute kommen könnten; Chrysler, weil GM zu guter Letzt einen Anteil an Chrysler übernehmen könnte - dann nämlich, wenn GM den Besitz an Opel gegen einen Anteil am zukünftigen neuen Autogiganten in Europa eintauscht.

Und schließlich besteht auch noch ein kulturelles Risiko. Opel ist und bleibt, praktisch gesehen, ein deutsches Unternehmen. Eine Hochzeit zwischen der Managementkultur Fiats und der deutschen Art die Dinge anzugehen, könnte sich als tückisch erweisen - um es vorsichtig auszudrücken. Wenn Marchionne das Durcheinander bei Opel mit dem Chrysler-Debakel vermischt, geht er nicht nur das Risiko ein, sich ernsthaft zu übernehmen. Er müsste es zudem auch noch schaffen, zu einem der ersten Ausländer zu werden, dem es gelingt, einen deutschen Konzern erfolgreich zu steuern.

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