Marmon
Buffetts Talsohle

Wollte man den Gerüchten an den Märkten glauben, so hätte Warren Buffett eigentlich Countrywide, Bear Stearns oder andere retten sollen. Jetzt aber hat der Chef von Berkshire Hathaway 4,5 Milliarden Dollar für einen Anteil an dem traditionellen Industriekonglomerat Marmon hingeblättert. Vielleicht wird er im Alter risikoscheu. Aber vielleicht hat er auch Recht, wenn er annimmt, dass es im Finanzsektor noch schlimmer kommen wird.

Warren Buffett hat nicht das Ende der Talsohle ausgerufen. Ob das fair ist oder nicht, es ist der erste Eindruck, den die Investoren vom jüngsten Deal von Berkshire Hathaway bekommen haben: der Übernahme des Industriekomplexes Marmon Holdings der Familie Pritzker. Seit Monaten erwarten die Märkte aufgeregt, dass der Multimilliardär die Kriegskasse von Berkshire über 50 Mrd. Dollar anzapft, um die eine oder andere Finanzgesellschaft – von Countrywide bis Bear Stearns – aufzusammeln, die an die Sandstrände der Kreditkrise gespült worden ist.

Stattdessen nimmt Buffett seine erste bedeutende Akquisition seit Jahren ausgerechnet im denkbar glanzlosesten Sektor vor. Marmon leitet mehr als 100 Unternehmen, die solch aufregende Produkte wie Spezialröhren und intermodale Tanks herstellen. Nichts könnte weiter von der Art von Alchemie entfernt sein, die die meisten der mutmaßlichen Ziele des „Weisen von Omaha“ im Finanzbereich praktizieren.

Die Transaktion ist allerdings typisch für Buffett. Das liegt nicht nur daran, dass die Art der Unternehmen, die die Pritzker-Familie über drei Generationen aufgebaut hat, so beschaffen ist, dass Buffet, dessen Investitionen von Coca-Cola über den Farbenhersteller Benjamin Moore bis zu einem Möbel-Imperium reichen, sich gut damit auskennt. Die Umstände, unter denen er sie sich einverleibt, stammen aus dem Berkshire-Lehrbuch. Zwar ist es schwierig einzuschätzen, wie Berkshire die Vermögenswerte bewertet, da viele davon weiterhin im Besitz der Familie bleiben. Aber er hat ein Element des Anreizes eingeführt.

Berkshire zahlt 4,5 Mrd. Dollar für 60 Prozent an Marmon – abzüglich der nicht offen gelegten Unternehmensteile, die von den Mitgliedern der Pritzker-Familie gehalten werden, die ihre Anteile aufteilen mussten, um einen anhaltenden, die Generationen übergreifenden Streit beizulegen. Der restliche Anteil an dem Mischkonzern soll in den kommenden Jahren übernommen werden, wobei der jeweilige Preis von den Geschäftsergebnissen abhängig ist. Diese Struktur zwingt die Familie in eine Partnerschaft – Tom Pritzker nannte es eine “Ehe” –, die sich erst auflöst, wenn Buffett selbst das reife Alter von 83 Jahren erreicht hat.

Die Skeptiker könnten die Transaktion als weiteres Beispiel für die wachsende Abneigung Buffetts gegenüber innovativen, wenn auch riskanteren, Unternehmen deuten. Solch kritische Bemerkungen sind, vielleicht ungerechter Weise, immer intensiver geworden, je älter Buffet wird. Viel wahrscheinlicher ist, dass Buffett denkt, die Finanzindustrie werde noch weiter in Mitleidenschaft gezogen werden – von der Feststellung weiterer fauler Kredite bis hin zu einer allgemeineren Verlangsamung der Entwicklung bei den Finanzdienstleistungen –, bevor die Bewertungen einen Einstieg seinerseits rechtfertigen. Das müsste schon ein tapferer Investor sein, der sich in dieser Angelegenheit gegen die Weisheit Buffetts auflehnen wollte.

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