Marsh on Monday
Deutschland gewinnt

In den angloamerikanischen Business Schools werden ökonomische Weisheiten anders propagiert als bei der deutschen akademischen Zunft. Angelsächsische Wissenschaftler sind fest überzeugt, dass wirtschaftliches Wachstum vor allem durch die Verbrauchernachfrage gefördert wird.
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In den angloamerikanischen Business Schools werden ökonomische Weisheiten anders propagiert als bei der deutschen akademischen Zunft. Angelsächsische Wissenschaftler sind fest überzeugt, dass wirtschaftliches Wachstum vor allem durch die Verbrauchernachfrage gefördert wird. Nach deutscher Ökonomie-Lehre dagegen wird die Wirtschaftsdynamik primär durch Investitionen getrieben. Der Konsum ist nicht an erster Stelle anzukurbeln, sondern wird quasi-automatisch begünstigt, wenn die Investitionen anlaufen.

Die Entwicklung der großen Volkswirtschaften in den vergangenen zehn Jahren spiegelt diesen Grundgedanken wider. Der jährliche Konsumanstieg belief sich in Großbritannien auf 3,3 beziehungsweise 3,5 Prozent; in den Vereinigten Staaten und in Deutschland nur auf 0,9 Prozent. Daraus entwickelte sich bei den Anglo-Amerikanern ein robustes Wirtschaftswachstum besonders bei den Dienstleistungen, in Deutschland aber eine Wachstumsschwäche, die erst 2006 überwunden wurde. Während dieser Interimszeit haben die deutschen Unternehmen durch Rationalisierungen, Produktionsflexibilisierung und Kostendruck ihre Strukturen dramatisch verbessert, damit sie für eine weltweite Nachfrage nach Investitionsgütern bestens gewappnet sind.

Innerhalb der europäischen Währungsunion ist die deutsche Wettbewerbsfähigkeit ohnehin unschlagbar, da die anderen Europäer nicht mehr abwerten können. Das Ergebnis ist eine durch Investitions- und Exportnachfrage getragene Wirtschaftsleistung, die im Vergleich zum "angelsächsischen Modell" den Tücken der Kreditkrise besser widerstehen kann. Laut OECD-Vorhersage werden die deutschen Verbraucherausgaben 2009 um 1,7 Prozent zunehmen und damit erstmals seit vielen Jahren den jährlichen Konsumanstieg in den USA und in Großbritannien übertreffen.

Die zunehmende Zuversicht der Bundesregierung in die Kraft des deutschen Wirtschaftsmodells wird durch das selbstbewusste Auftreten von Angela Merkel und Peer Steinbrück im Ausland deutlich. Für die Partner der Großen Koalition ist es eine Glückssituation, dass sich gerade im Wahljahr 2009 eine günstige volkswirtschaftliche Konstellation abzeichnet. Lassen wir dahin gestellt, welche Volkspartei davon profitiert. Deutschland als Ganzes steht als Gewinner der weltweiten Investitionsnachfrage da.

David Marsh ist Berater und Banker in London.

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