Marsh on Monday
Es lebe Chimany!

Die ganze Welt spricht von der G-2. Gemeint ist eine Zweiergruppe, bestehend aus den USA und China, liebevoll „Chimerica“ genannt. Angeblich ziehen beide die Fäden der globalen Hochfinanz. Es gibt aber eine zweite, noch geheimere Zweiergruppe mit Namen „Chimany".

Die ganze Welt spricht von der G-2. Gemeint ist eine Zweiergruppe, bestehend aus den USA und China, liebevoll "Chimerica" genannt. Angeblich ziehen beide die Fäden der globalen Hochfinanz. Es gibt aber eine zweite, noch geheimere Zweiergruppe. Sie besteht aus China und Deutschland. Sie ist umso effektiver, weil kaum jemand ahnt, dass es sie gibt.

Politisch-kulturelle Parallelen gibt es allemal. Verbunden sind beide Länder durch die Komplexität ihrer Sprachen beispielsweise oder das Auf und Ab der sozialpolitischen Abläufe der letzten 150 Jahre. Zudem spielen Deutschland und China wirtschaftspolitisch eine ähnliche Rolle. Sie gehören zu den ökonomisch wichtigsten Ländern der Welt. Beide verfügen über riesige Überschüsse in der Leistungsbilanz, auch wenn China mit einem Plus in Höhe von zehn Prozent des Bruttoinlandsproduktes im letzten Jahr die Nase vor Deutschland (6,4 Prozent) hat. Sie sind die größten Exporteure weltweit.

Beide wurden von der Wirtschaftskrise zunächst schwer getroffen - und beide liefern jetzt Hinweise auf ihre Stärke. Chinas 2009-er Wachstumsrate etwa zeigt sich erstaunlich robust. Deutschland (Bescheidenheit verpflichtet) hatte es zunächst noch viel heftiger erwischt; seit Wochen aber liefert es ein widerstandsfähigeres Bild. Nach der Krise wird Deutschlands Position innerhalb Europas noch stärker werden.

Ausgehend von einer ganz unterschiedlichen Basis werden beide Länder eine ähnliche Industriepolitik betreiben. China und Deutschland wollen eine Front gegenüber dem Protektionismus bilden. Um sich vor preiswerteren Rivalen aus Nachbarländern zu schützen, müssen sie die Globalisierung ihrer Industriestrukturen permanent vorantreiben. Globale Allianzen zwischen deutschen und chinesischen Industriekonzernen könnten die Folge sein.

Differenzen in der Außenpolitik (so schnell kommt der Dalai Lama wahrscheinlich nicht wieder nach Berlin) sollten nicht übertrieben werden. Wetten wir, dass kurz nach der Wiederwahl von Bundeskanzlerin Angela Merkel der chinesische Premierminister Wen Jiabao nach Berlin eingeladen wird? Wen hält von "Chimerica" bekanntlich nicht viel. Vielleicht klingt "Chimany" in seinen Ohren überzeugender.

gastautor@handelsblatt.com

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