Marsh on Monday
Präsident Obama als Nachfolger von Richard Nixon

Wir sind nicht amüsiert." Das, was vor 150 Jahren für Königin Victoria gegolten hat, trifft sicherlich auch am Anfang der zweiten Dekade des 21. Jahrhunderts für Bundeskanzlerin Angela Merkel zu.
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Der Grund für Merkels Verstimmung: Die USA unternehmen einen neuen Anlauf zum Gelddrucken. Das letzte Mal, als die amerikanische Notenbank (Fed) im Jahr 2009 durch massive Ankäufe von Staatsanleihen Liquidität in die marode heimische Volkswirtschaft pumpte, hat Frau Merkel mit einer herben Kritik reagiert. "Die Dinge, die andere Notenbanken jetzt machen, müssen wieder zurückgefahren werden. Ich sehe mit großer Skepsis, welche Vollmachten zum Beispiel die Fed hat", sagte sie im Juni 2009 mit deutlicher Frostigkeit in einer viel beachteten Rede in Berlin.

Letzte Woche hat die US-Notenbank angekündigt, die Geldschleusen bis Mitte 2011 mit einem Ankauf amerikanischer Staatsanleihen über 600 Milliarden Dollar erneut zu öffnen. Merkel dürfte ähnlich frostig gestimmt sein wie 2009. Und das gilt sicher auch für Bundesbankpräsident Axel Weber, der in den letzten Wochen keinen Hehl daraus gemacht hat, dass er in Europa den Ankauf von Staatsanleihen durch die Notenbank für einen Fehler hält.

Zwar geht die Bundesregierung nicht so weit wie die Chinesen, die Ende der letzten Woche von der Errichtung eines möglichen "währungspolitischen Schutzwalls" gesprochen haben, um sich gegen einen weiteren Dollarverfall abzusichern. Doch wird mit jeder neuen geldpolitischen Aufweichung jenseits des Atlantiks das Verhältnis zwischen Europäern und Amerikanern schwieriger. Weite Teile der noch sehr wettbewerbsfähigen deutschen Exportindustrie können - im Gegensatz zu Konkurrenten aus schwächeren Ländern der Währungsunion - mit einem Euro-Wert deutlich über 1,40 Dollar leben. Eine weitere Abwertung des Dollarkurses versetzt allerdings den Euro-Raum insgesamt in eine noch schwierigere Lage und erhöht den Druck auf die Deutschen, Partnerländern unter die Arme zu greifen.

Seit Jahrzehnten ist zwischen den USA und der Bundesrepublik die amerikanische Bereitschaft, in Notfällen den Weg des billigen Geldes einzuschlagen, ein Stein des Anstoßes. Für die Europäer war der Wunsch, sich von der lästigen Bürde einer weichen amerikanischen Kredit- und Finanzpolitik zu befreien, ein wichtiger Grund für die Bildung der Währungsunion. Auch die Deutschen hofften, die Gefahr einer erheblichen D-Mark-Aufwertung sei mit der Währungsunion gebannt.

Aber der Schutzwall Euro funktioniert nur bedingt. Nach wie vor befinden sich die Europäer in einer Lage der gefährlichen Abhängigkeit von dem umstrittenen Kurs der Amerikaner. Ihre Verwundbarkeit wird dieser Tage gerade erhöht durch die Versuche der Japaner und Chinesen, zugunsten der binnenwirtschaftlichen Entwicklung einer Aufwertung ihrer Währungen entgegenzutreten.

Vor fast vier Jahrzehnten ist das Bretton-Woods-System zerbrochen: Im August 1971 hob US-Präsident Richard Nixon die Bindung zwischen Dollar und Gold auf. Die Europäer bekamen vom damaligen US-Finanzminister John Connally zu hören: "Der Dollar ist unsere Währung, aber euer Problem." Dass Präsident Obama als geistiger Nachfolger von Richard Nixon in die Geschichte eingehen könnte, galt vor zwei Jahren als wenig wahrscheinlich. Jetzt aber steigt die Möglichkeit, dass in der Währungsgeschichte die beiden Figuren im gleichen Atemzug genannt werden. Die Geldschwemme in den USA schafft Distanz zu Europa.

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