Marsh on Monday
Schäuble tritt mit Charme, Härte, Redlichkeit und viel Erfahrung an

Eine große Aufgabe wartet auf ihn als Finanzminister: Deutschland ist Europas wirtschaftlich stärkstes, aber auch verwundbarstes Land. Aber als ein Mann, der nichts zu gewinnen oder zu verlieren hat, kann er notfalls auch sehr energisch auftreten.
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Der neue Herr über das deutsche Finanzwesen ist ein Überzeugungskünstler. Eine Kombination aus kampferprobtem Charme und intellektueller Redlichkeit macht aus Wolfgang Schäuble einen verführerischen, auch einen gefährlichen Gesprächspartner. Der Mann, der aufgrund des Attentats vor fast 20 Jahren zum Leben im Sitzen verurteilt ist, wirkt im zweiten Merkelkabinett politisch, ja sogar körperlich überdimensioniert.

Auf die Bundesrepublik als stärkste, jedoch an vielen Fronten auch verwundbarste europäische Ökonomie kommen gewichtige wirtschaftspolitische Herausforderungen zu. In Deutschland und im Ausland wird Schäuble keinen Mangel an Gelegenheit verspüren, seine Kommunikations- und Gestaltungskraft unter Beweis zu stellen.

Schäuble leidet nicht unter falscher Bescheidenheit, würde aber jeden Vergleich mit dem amerikanischen Staatspräsidenten abweisen, der ab 1921 wegen Polio an den Rollstuhl gefesselt war. Die Parallele sollte man nicht übertreiben, kriegsähnliche Bedingungen stehen in Deutschland und Europa nicht vor der Tür. Gelingt es Schäuble jedoch, in den kommenden vier Jahren die deutsche Volkswirtschaft zu dynamisieren, die Haushaltskonsolidierung zu bewältigen, die europäische Währungsunion zusammenzuhalten und einen Beitrag zur Stabilisierung des Dollar-Euro-Verhältnisses zu leisten, dann verdient er das Etikett als Deutschlands Franklin D. Roosevelt.

Die Ernennung Schäubles ruft mit frappierender Deutlichkeit in Erinnerung, dass westliche Finanzminister bei der Amtsübernahme meistens über keine einschlägige finanzpolitische Erfahrung auf nationaler Ebene verfügen. Von den 111 Finanzministern, die in den USA, Frankreich, Großbritannien und Deutschland seit dem Zweiten Weltkrieg im Amt waren, ist er wohl einer der wenigen, die beim Schwören des Amtseides mit den Tücken ihres Postens schon einigermaßen vertraut sind. Schäuble blickt auf elf Jahre Berufserfahrung im Kabinett als Kanzleramts- und Innenminister unter zwei Bundeskanzlern zurück, hat bereits vor dem Fall der Berliner Mauer über die ökonomischen Konsequenzen der demographischen Überalterung, der europäischen Erweiterung und der Währungsunion doziert. Er hat den Vertrag zur deutschen Einheit mitgestaltet, wohl erahnend, dass die Übernahme der D-Mark in der DDR zu einem weit überteuerten Umtauschkurs für die Ostmark die neuen Bundesländer unvermeidlich in eine ökonomische Katastrophe stürzt. Als einziger unter den europäischen Finanzministern kann er Forderungen aus dem europäischen Stabilitäts- und Wachstumspakt möglicherweise auch mit der Faust auf dem Verhandlungstisch in Brüssel durchsetzen.

Nur wenige Bundesfinanzminister - Franz Josef Strauss, Karl Schiller, Helmut Schmidt, Gerhard Stoltenberg - kamen bereits als gestandene Bundesminister ins Amt. Viele frühere Amtsinhaber in anderen Ländern - man denke auch an George Schultz, Jim Baker, Valéry Giscard d?Estaing, Raymond Barre, Jacques Delors, Pierre Bérégovoy, Edouard Balladur, Nicolas Sarkozy, Harold Macmillan, James Callaghan, John Major und Gordon Brown - haben höhere Posten anvisiert und später oft übernommen. Schäuble ist die Ausnahme. Mit 67 Jahren hat er seine große Zeit hinter sich. Er ist bereits als Kronprinz unter Helmut Kohl gescheitert. Er hat nichts mehr, jedenfalls nicht mehr viel, zu verlieren.

Aber aus dem Scheitern lernt man auch dazu. Ja, man kann daraus sogar lernen zu siegen. Schäuble wird das wissen. Und der Rest der Welt kann es von ihm lernen.

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