MARSH ON MONDAY
Veränderte Landschaft

Die Verwerfungen am Finanzmarkt markieren eine Zäsur in der europäischen Wirtschaftspolitik. Die Konsequenzen: verstärkte Tendenzen zur "Bändigung des Kapitalismus" sowie eine Abflachung des Bundesbank - Einflusses auf die Europäischen Zentralbank. Nach den Staatsinterventionen zur Wiederbelebung der europäischen Banken sowie der koordinierten Zinssenkungen der Notenbanken dürften sich die politischen Akzente in Europa schlagartig in Richtung Kontrollen und Regulierung verschieben.

Profitieren davon werden die Politiker, die behaupten können, sie seien "immer" gegen die exzessiven Verhaltensweisen von Banken und Bonzen gewesen. In Deutschland gehen (aber mit ganz unterschiedlichen Startpositionen) Oskar Lafontaine und Peer Steinbrück als Gewinner hervor. In Frankreich verstärkt sich die Machtbasis von Präsident Nicolas Sarkozy, auch gegenüber der EZB. Zum ersten Mal als EZB-Präsident hat Jean-Claude Trichet eine Zinssenkung eingeleitet - die sicherlich von weiteren gefolgt wird. Die Währungshüter haben mit der von Sarkozy scharf kritisierten Zinsanhebung im Juli einen Fehler begangen, müssen jetzt die Konsequenzen in Form verminderter Glaubwürdigkeit und Durchsetzungskraft ziehen.

In Großbritannien steht Premierminister Gordon Brown nach wie vor unter Druck. Wie der ehemalige Vorsitzender der US-Notenbank Alan Greenspan hat Brown als Schatzkanzler unter Tony Blair die Finanzmarktderegulierungsoffensive gefördert, teilweise um britische Marktanteile im Bank- und Finanzwesen zu stärken. Jetzt muss er heftig zurückrudern. Aber Brown sieht sein politisches Heil in der Krisenbewältigung, wohl auch seine einzige Chance, die sonst als verloren gegebene Wahl 2010 zu gewinnen.

Der britische Premier hält wenig von europäischer Kooperation, forciert "britische Lösungen" für die Misere, die von den anderen Nationen zwangsläufig als Modell angesehen werden müssten. Browns barscher Ton dürfte Schule machen. Die Politik der nationalen Alleingänge setzt sich fort, die Fundamente Europas werden geschwächt. Wenn Europa nicht mehr Einheit an den Tag legt, ist auch aufgrund der Ereignisse der letzten Wochen das langfristige Überleben der Währungsunion eindeutig geschwächt worden.

gastautor@handelsblatt.com

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