Marsh on Monday
Warum der Konservative Cameron zum Europa-Liebhaber werden wird

Die Sorge, dass sich Großbritannien weiter von Kontinentaleuropa abkoppeln würde, sollte der konservative Oppositionschef David Cameron kommendes Jahr Premierminister werden, ist unbegründet.
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Die einzigen britischen Premierminister seit dem Zweiten Weltkrieg, die mit einer bewusst proeuropäischen Haltung ins Amt gekommen sind, waren Edward Heath, John Major und Tony Blair. Alle drei haben auf verschiedene Weise in der Europa-Politik kläglich versagt. Angesichts dieses tristen Umstands ist es keine Überraschung, dass David Cameron, der voraussichtlich nach den Wahlen im Mai kommenden Jahres die Geschicke des Landes lenken wird, alle Anstrengungen unternimmt, um auf Distanz zu Kontinentaleuropa zu gehen.

Die Gefahr ist tatsächlich gegeben, dass sich Großbritannien unter dem konservativen Parteiführer Cameron immer weiter vom Festland entkoppelt. Dennoch wage ich die kühne Prophezeiung, dass Cameron als wahrscheinlicher künftiger Premierminister auf einen viel positiveren Europakurs zusteuern wird, als die meisten meinen. Im ständigen Konkurrenzkampf mit dem Tandem aus Nicolas Sarkozy und Angela Merkel könnte er das britische Gewicht mit unerwartetem Erfolg in die kontinentale Waagschale werfen.

Die Chronik der letzten Jahre ist in der Tat wenig ermutigend. Der von Europa am meisten begeisterte Premierminister Edward Heath führte das Land zwar 1973 in die Europäische Gemeinschaft, verlor dann aber aufgrund einer tiefen Rezession den Anschluss und wurde bereits 1974 abgewählt. John Major wiederum bewunderte die anti-inflationäre Disziplin der Bundesbank und brachte als Schatzkanzler das Pfund in den europäischen Währungsmechanismus. Er scheiterte allerdings grandios, als Großbritannien zwei Jahre später aus dem Verbund gedrängt wurde. Der große Schauspieler Tony Blair schließlich verkündete zwar seine Europa-Bekenntnisse in flamboyanten Reden in fernen Hauptstädten. Nie aber besaß er die Courage, solchen Ambitionen auch in der rauen Atmosphäre des britischen Parlaments oder in Auseinandersetzungen mit den Medien Nachdruck zu verleihen.

Weshalb bin ich der Meinung, dass Cameron trotz allem eher durch Europa-Elan auffallen wird? Glatt und unerfahren mag er aussehen; dumm ist der konservative Parteiführer aber nicht. Er weiß, dass das Gewicht Großbritanniens auf der Weltbühne - in Washington, Peking oder Moskau - in einem direkten Verhältnis zu seinem Einfluss in Berlin, Paris und Brüssel steht. Die laufende Umarmungskampagne von Sarkozy gegenüber Merkel ist zumindest teilweise dadurch erklärbar, dass der französische Staatspräsident zu dem Schluss gekommen ist, mit einem an Europa scheinbar desinteressierten konservativen Insel-Führer sei keine Partnerschaft zu machen.

Eine Ausgrenzung Camerons auf dem Festland ginge aber mit einem Autoritätsverlust auch innerhalb des eigenen Landes einher: eine schlechte Perspektive für einen Politiker, der gerne in die Fußstapfen von Margaret Thatcher treten möchte. Aus all diesen Gründen steht eine Rückbesinnung der Konservativen auf Europa bevor, möglicherweise auch eine Revision ihrer aussichtslosen Politik im Europäischen Parlament, wo sie aus dem wichtigen politischen Bündnis mit der Europäischen Volkspartei ausgetreten sind und stattdessen die Nähe zu euroskeptischen Splitterparteien suchen.

Mit seinem Beschluss, im Gegensatz zu früheren Beteuerungen doch kein Referendum gegen den jetzt von allen 27 Mitgliedstaaten ratifizierten Lissabonner Vertrag vorzubereiten, hat Cameron bereits den Schwenk in Richtung Europa-Realismus angestoßen. Seine erste Priorität besteht darin, die wirtschaftliche Heilung des Landes voranzutreiben. Die zweite darin, eine Brücke zu Europa zu bauen. Je schneller er vor der kommenden Wahl mit diesem Unterfangen startet, desto besser.

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