Merrill Lynch
Bitte aufpolstern

John Thain sollte noch mehr Kapital sammeln. Zugegeben, der Chef von Merrill Lynch hat schon beim letzten Mal, als er mit dem Hut in der Hand umherging, mehr bekommen, als er wirklich gebraucht hat. Er hat wahrscheinlich auch jetzt noch genug, um einen Verlust über weitere zwei oder drei Mrd. Dollar wegstecken zu können. Aber das Spiel dreht sich jetzt darum, Kapital im Übermaß vorweisen zu können. Thain könnte dies möglicherweise sogar ohne eine Verwässerung für die Aktionäre erreichen.

Der Chef von Merrill Lynch, John Thain, setzt alles daran, dass das Wertpapierhaus nicht noch einmal mit dem Hut in der Hand zu seinen Aktionären gehen muss. Schließlich liegen – wie er gern betont - die 12,8 Mrd. Dollar, die Merrill Lynch im Dezember und Januar gesammelt hat, über dem Betrag, den die Firma im vergangenen Jahr verloren hat. Aber nach einem weiteren Verlust über zwei Mrd. Dollar im ersten Quartal und vor dem Hintergrund, dass sich die Kreditkrise über den Bereich der US-Hypothekendarlehen zweitklassiger Bonität („Suprime“) hinaus ausweitet, sieht es immer mehr danach aus, als ob Thain durch sein eigenes kapitales Versprechen in die Ende gedrängt werden würde.

Aber das muss nicht unbedingt der Fall sein. Er hat immer noch genug Spielraum, um einen Verlust über weitere drei Mrd. Dollar aushalten zu können, bevor die Liquidität, die Merrill in diesem Winter aufgenommen hat, aufgezehrt ist. Nehmen wir einmal an, der Rest der Firma entwickelt sich ungefähr in der gleichen Weise wie in den ersten drei Monaten des Jahres weiter, dann könnte Merrill Abschreibungen auf Hypothekendarlehen, CDOs und wacklige Sicherungsgeschäfte mit den in Schwierigkeiten geratenen Kreditversicherern über zusätzliche acht Mrd. Dollar oder mehr schultern, bevor sie das ganze jüngst aufgenommene Kapital verbrannt hat.

Das Problem dabei ist, dass es sich hierbei kaum um ein Extremszenario handelt. Die Wall-Street-Firma ist netto immer noch zweifelhaften Vermögenswerten in fast dieser Höhe ausgesetzt. Sie hat Übernahmefinanzierungen über 14 Mrd. Dollar in den Büchern, und bei Gewerbeimmobilienbeständen hat sie bis jetzt kaum Rückschläge verbucht.

Natürlich ist es derzeit das oberste Gebot für die Finanzfirmen zu beweisen, dass sie ein Übermaß an Kapital vorweisen können. Selbst die Konkurrenten, die von der Kreditkrise nicht ganz so hart in Mitleidenschaft gezogen worden sind, richten sich danach. Man denke nur an die Pläne von JP Morgan, bis zu sechs Mrd. Dollar aufzunehmen und den Verkauf von Wandelpapieren über vier Mrd. Dollar durch Lehman Brothers Anfang des Monats. Gerade dieser Deal hat einen neuen Maßstab für den Verschuldungsgrad einer Investmentbank gesetzt, der bei Lehman dadurch auf netto das 13,5fache des Kapitals gesunken ist. Bei Merrill liegt dieser Richtwert derzeit bei knapp über dem 16fachen.

Angesichts des relativ hohen Verschuldungsgrads und der fortgesetzten Verluste von Merrill sollte Thain mehr Kapital sammeln. Aber das bedeutet nicht, dass er seine Worte zurücknehmen muss. Er war ohnehin sehr vorsichtig vorgegangen, indem er nur das Sammeln von zusätzlichem Stammkapital ausgeschlossen hat. Damit bleibt immer noch ein Verkauf von Vorzugsaktien, so wie es JP Morgan vorgemacht hat. Das wird wahrscheinlich nicht ganz billig - JP Morgan zahlt einen Aufschlag von mehr als vier Prozentpunkten über den US-Staatsanleihen. Aber der Verkauf könnte so strukturiert werden, dass eine Verwässerung der Aktionäre vermieden wird. Im Falle von JP Morgan können sie nicht in Aktien gewandelt werden und sehen überhaupt ganz nach regulären Schuldtiteln aus. Damit könnte Thain sein Wort halten – und er würde seiner Firma zu einem bequemeren Polster verhelfen, als das, auf dem sie gegenwärtig sitzt.

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